Full text: Evangelisches Schulblatt - 44.1900 (44)

Der Aschenputtel der Schulverwaltung. 
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reißen lassen, sie versucht alles — und erreicht nichts. Sie darf sich nicht 
einmal sträuben, wenn etwa ein strafversetzter Lehrer die Stelle erhält. Wie 
kann bei solchen Zuständen das warme herzliche Vertrauen erblühen zwischen 
Schule und Haus, ohne das doch die Erziehungsarbeit des Lehrers in der Luft 
schwebt! 
Weiter. In den meisten Landgemeinden, zumal auch solchen, deren 
Teuerungsverhältnisse durch die Industrie bestimmt oder doch mitbestimmt werden, 
sind die Lehrer auch jetzt noch viel schlechter besoldet als etwa in den Städten 
und im Ruhrgebiet, obschon der Dorflehrer, wie jeder Kundige weiß, nicht nur 
einen viel aufreibenderen Dienst hat, sondern auch zur Bestreitung vieler Bedürfnisse 
wie zur Ausbildung seiner Kinder viel mehr Geld ausgeben muß, als der Stadt 
lehrer. Die jungen Lehrer entfliehen dem Dorf, sobald die Regierung sie losläßt, 
mitunter schon nach zwei, drei Jahren. Ja, es giebt Landkinder, die in ihren 
acht Schuljahren statt eines Lehrers deren acht, neun hatten! So wird die 
Dorfschule eine Übungsschule, ein Versuchsfeld unerfahrener Lehrer — ein Hohn 
auf alle Erziehung! Es giebt ungezählte Dörfer, in denen kein Lehrer es sieben 
Jahre aushält. Mit sieben Dienstjahren aber treten die Alterszulagen ein, zu 
denen jede Gemeinde, gleichviel ob sie einen alten oder einen jungen oder gar 
keinen Lehrer hat, ihren jährlichen Beitrag an die betr. Kasse leisten muß. So 
ist es möglich, daß ein Dorf hundert Jahre lang in die Alterszulagekasie zahlt, 
und ihr Lehrer erhält davon keinen roten Heller — sie wirft das Geld weg, 
den größern Gemeinden zu gut. Ist nun eine solche Gemeinde so vermögend 
und — so klug, für ihren tüchtigen Lehrer (oder um einen solchen zu gewinnen) 
ein hohes Gehalt zu beschließen, dann wird das von obenher — nicht genehmigt, 
da sonst die Nachbargemeinden leicht in die Zwangslage kämen, auch höher zu 
gehen, und das darf ja nicht seiw, weil die ihr Geld für andere Dinge nötiger 
haben als für Jugenderziehung. 
Dazu kam bisher noch eins. Die große Mehrzahl der jungen Lehrer hat 
in den letzten Jahrzehnten des Königs Rock getragen — sehr zu ihrem Vorteil, 
freilich nur 10 und 6 und 4 Wochen. Aber diese 20 Wochen hindurch waren 
sie fast sämtlich der Dorfschule entzogen, und wenn überhaupt, dann war nur 
eine sehr notdürftige Vertretung zu beschaffen, und die Gemeinde sollte womöglich 
auch diese noch bezahlen. Waren nun endlich die Übungsjahre verüber und eine 
ununterbrochene Schularbeit möglich, dann ging der Lehrer fort, und der Neuling 
machte es ebenso. — — 
Es wäre gewiß wünschenswert, wenn die Notlage der Dorfschule und 
Landgemeinde einmal und immer wieder auf die Tagesordnung käme in der 
Presse, im Landtag, im Schoß der Regierung — bis dem Aschenputtel sein 
Recht und seine Ehre wird. 
II. 
So hat das „Volk" in seiner Nr. 16 das Dorf bezeichnet und dabei die 
thatsächlichen Zustände reden lassen. Es ist auffällig, daß bis dahin weder ein 
Echo, noch ein Widerspruch laut geworden ist. Man sollte denken, die Landleute, 
für die das „Volk" seine Stimme erhebt, rührten sich und sagten doch wenigstens, 
ob und wie etwa dem Aschenputtel noch zu helfen sei. Daß die Groß- und 
Kleinstadtpresse für die Schulnot des Dorfes kein Verständnis und kein Herz 
hat, ist ja nicht verwunderlich.
	        
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