Full text: Evangelisches Schulblatt - 44.1900 (44)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Wir wollen nun annehmen, daß das allgemeine Schweigen zu dem Aufsatz 
in Nr. 16 Zustimmung bedeutet, und fragen: wie ist dem Aschenputtel zu 
helfen? 
Bis in die obersten Kreise der Schulbehörden reicht die Einsicht, daß die 
Arbeit in der Landschule weit schwieriger und aufreibender ist 
als in vielklassigen Schulen — daß sie deshalb die fähigsten, erfahrensten Lehrer 
voraussetzt. Sie müßte deshalb weit besser bezahlt werden als die Arbeit an 
größeren Schulen: der Landlehrer müßte so gut besoldet werden, daß ein Klassen- 
lehrer in der Stadt sich gehaltlich verbessert, wenn er eine Landstelle annimmt 
und dauernd verwaltet. Gut gesagt, meinst du — aber woher nehmen, ohne 
zu stehlen? Nun, das Dorf selbst kann das in den wenigsten Fällen aus 
eigenen Mitteln leisten x ) und darum müssen größere Verbände (Kreis, 
Provinz und Staat) einspringen und wirksame Beihilfe gewähren. Vor allem 
sollte die Lehrerschaft diese Sache in die Hand nehmen und ihrerseits geschlossen 
(Land- und Stadtlehrer vereint!) für das Recht der Landschule eintreten. 
Den Landgemeinden aber sei noch ein Mittel verraten, durch das sie der 
Landflucht und Stadtsucht der Lehrer entgegenwirken können: gebt dem Lehrer, 
was ihm gebührt! — Ich meine jetzt nicht Geld, sondern Sitz und Stimme 
im Schulvorstand! Ich weiß wohl, wie mißtrauisch man vielerorts diesen 
Vorschlag aufnehmen' wird: man fürchtet, der Lehrer im Schulvorstand werde 
viele kostspielige Anschaffungen rc. durchsetzen, werde seine persönlichen Interessen 
voranstellen, werde eine freie Aussprache über ihn durch seine stete Gegenwart 
unmöglich machen rc. rc. Darauf ist zu sagen: Der Schulvorstand braucht doch 
keine Anschaffung zu beschließen, von deren Notwendigkeit und Nützlichkeit ihn 
der Lehrer nicht überzeugt hat — im Gegenteil, mancher Lehrer würde Fälle 
genug anführen können, wo die Schulgemeinde recht viel Geld hätte sparen können, 
wenn sie nur ihren Lehrer als Sachverständigen zugezogen hätte. Auch versteht 
es sich von selbst, daß der Lehrer dann nicht mit dabei ist, wenn seine per 
sönlichen Interessen und Anliegen in Frage stehen. — Der Lehrer gehört 
in den Schulvorstand, wie der Pfarrer in den Kirchenvorstand, wie der 
Bürgermeister in den Gemeindevorstand, wie der Arzt in den Krankenhausvorstand, 
wie der Gesangmeister in den Gesangvereinsvorstand. Das hat auch der preußische 
Unterrichtsminister längst erkannt und erstrebt. Sein Bemühen scheiterte aber 
an dem Widerstand der liberalen Großstadtväter. Die mußte man erst 
befragen, denn die hätten ja sonst Lärm geschlagen, wie weiland bei dem christ 
lichen Schulgesetzentwurf des Grafen Zedlitz. Den Aschenputtel fragte man 
natürlich nicht — wozu auch? Der hat ja keine Stimme, am wenigsten eine 
solche, wie die liberalen Stadlherren. Diese also befragte man, ob sie wohl 
den Lehrern in ihrer städtischen Schulverwaltung eine Vertretung geben wollten, 
man bot ihnen sogar weitere Vorrechte auf dem Schulgebiet — half nichts, 
sie brauchten ja gar keine weiteren Rechte — die Lehrer blieben draußen. Es 
wird wohl noch ein Weilchen dauern, bis der Lehrer von Amts wegen im 
Schulvorstand sitzt — aber wählen kann man ihn schon jetzt hinein, und 
die Schulbehörde sieht das gern — und sollte irgendwo etwa ein 
Amtmann oder Landrat Schwierigkeiten machen und die Wahl des Lehrers in 
i) Wo es das aber kann und will, da sollten die Staatsbehörden (Landräte rc.s 
nicht allzu besorgt sein, daß die Nachbargemeinden nun in Wetteifer geraten und sich 
in Schullasten übernehmen könnten.
	        
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