Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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März 1902. 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Ist neben dem belletristischen Lesebuche ein Reallesebuch 
notwendig? 
Von Rektor La mb eck in Remscheid. 
Bevor wir in die Untersuchung über die Notwendigkeit eines Reallesebuches 
eintreten, muß vorab die Frage beantwortet werden, ob ein selbständiger 
Nea l u nterricht in den Lehrplan der Volksschule gehört und zwar auf allen 
Stufen und in allen Schulen? 
Bekanntlich wird diese Frage nicht von allen bejaht, andere, die sie bejahen, 
wissen als Grund nur — die Nützlichkeit der Realien für das praktische Leben — 
und ihre bildende Kraft anzuführen. 
Wenn nun auch die Richtigkeit dieser Ansicht nicht bestritten werden kann, 
meist auch nicht bestritten wird, so sind ihre Gründe doch nicht ausreichend. — 
Der ausschlaggebende Grund in diesem Streithandel, das entscheidende 
„Warum" in der Realienfrage ist jenen Vertretern eines selbständigen Real 
unterrichts verborgen geblieben. Es besteht, kurz gesagt, darin, daß ohne den 
Realunterricht auch die andern Fächer weder für sich, noch für die Gesamt 
bildung das leisten, was sie leisten können und sollen. — Es fehlt die 
Erkenntnis aus der Theorie des Lehrplans, daß die Lehrfächer ein plan 
mäßiges Geglieder, einen Organismus, bilden müssen. — So wenig 
wie an dem Organismus des menschlichen Leibes ein Glied fehlen darf, ohne 
daß auch andere Glieder und der gesamte Leib in ihren Leistungen beeinträchtigt 
werden, da ja jedes Glied bestimmte Dienste für die andern Glieder und für 
den ganzen Leib zu verrichten hat, ebenso wenig darf irgend ein Lehrfach fehlen, 
wenn die Bildung nicht unvollständig, krüppelhaft sein soll; denn in jedem Fache 
steckt ein ihm eigentümliches Bildungselement, das durch kein anderes Fach 
ersetzt werden kann. — 
Und wie ferner jedes Glied am menschlichen Körper seine bestimmte Stelle 
hat, und keines auf Kosten der anderen bevorzugt werden darf, so hat auch 
jedes Lehrfach im Lehrplane seine bestimmte Stelle, und keins darf auf Kosten 
der andern bevorzugt werden, wenn die Bildung nicht ein schiefes Gesicht 
haben soll.
	        

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