Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

April 1902. 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Zur Psychologie des lyrischen Genusses. 
Von Ernst Brune. 
Ehe ich es versuche, den psychischen Vorgang der Aufnahme eines lyrischen 
Gedichtes durch den Leser darzustellen und die Bedingungen klarzulegen, an 
welche die Empfänglichkeit für ein Gedicht geknüpft ist, ehe ich also über die 
Wirkung der Lyrik rede, muß ich wohl einige wenige Andeutungen über ihr 
Wesen voranschicken. 
Wenn man nur an die Lyrik in ihrer Vollendung denkt, nur an das 
specifisch-lyrische Gedicht, „das gar nicht anders zu denken ist und wie die Natur 
selbst wirkt," so kann man sagen, der lyrische Dichter beschenkt uns mit neuen 
Gefühlen, „er dringt tiefer und tiefer hinein in die zu erobernde Welt der Ge 
fühle." Was ^dem Durchschnittsmenschen kaum gespürt durch die Seele gleitet, 
nur im unbestimmten Halbdunkel bleibt und daher nicht Ausdruck durch die 
Sprache finden kann, das gewinnt beim Dichter lichte Klarheit und darum auch 
das offenbarende, „befreiende" Wort. Durch diese „lyrische Krystallisation der 
elementarsten und tiefsten, der feinsten und geheimsten Empfindungen des 
Menschenherzens" schafft der Genius neue Werte. „Das Anzeichen und Be 
glaubigungsschreiben des Dichters ist, daß er etwas verkündet, was keiner vor 
ihm gesagt hat," sagt Emerson einmal. 
Wie die Gefühle überhaupt, so werden auch die des Lyrikers durch An 
schauungen oder Vorstellungen veranlaßt. Da seine Gefühle aber neu und 
eigenartig sind, so können sie auch nur durch Anschauungen ganz ursprünglicher 
und nicht alltäglicher Art bewirkt worden sein. Dieselben erhallen ihr originales 
Gepräge durch die Thätigkeit der dichterischen Phantasie. Als Beispiel ver 
gegenwärtige man sich nur, wie in Mörikes ,,Nachtlied" durch die beseelende 
Wirkung der Phantasie eine ganz eigenartige Anschauung des Nachtbildes in der 
Seele des Dichters entsteht, die dann das wunderbare, traumhafte Gefühl er 
zeugt. Doch ich will mich nicht vergeblich abmühen, dies Gefühl durch schon 
abstrakt gewordene Attribute zu umschreiben. Dadurch würde ihm nur seine 
Besonderheit genommen. Es ist ganz einzigartig; nur einmal so vorhanden, 
eben in diesem Gedichte und auf Grund dieser Phantasieanschauung. Deshalb 
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