Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Zur Psychologie des lyrischen Genusses. 
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Das geschieht natürlich ohne unsre bewußte Willensthätigkeit, ganz unwillkürlich 
und unbewußt. Wir schauen die Nacht nun auch als eine Gestalt, nicht als 
deutlich umrissene Menschengestalt, sondern eben als Nachtgestalt und traumhaft 
dunkel. Wenn Avenarius sagt: „Sie ist aus ihm (dem Dichter) entstanden, 
wie eine Gestalt des Traumes aus des Schläfers Seele entsteht, und genau 
wie im Traume ist er sich dessen nicht im mindesten bewußt, empfindet er sein 
Geisteskind als ein von draußen kommendes, draußen stehendes Wesen," so gilt 
das nunmehr, bei wirklicher Hingabe an das Gedicht, auch von uns. . Gewinnt 
auf diese Weise die Phantasieanschauung des Dichters in unsrer Seele Gestalt, 
dann bleibt uns auch das Gefühl nicht aus, das ihn durchschauerte. Denn jede 
der Einzelvorstellungen, aus denen sich das Phantasiebild zusammensetzt, ist von 
einem bestimmten Gefühl begleitet, hat Gefühlswert. So flößt uns z. B. die 
Vorstellung der gelassen aufsteigenden Nacht ein gewisses Gefühl erhabener Ruhe 
ein, das man eigentlich nicht genau bezeichnen kann, das aber wohl jeder un 
mittelbar empfinden wird. Ebenso überkommt uns bei der Vorstellung der 
träumenden Nacht ein Gefühl, wie es unsre eignen wachen Träume zu begleiten 
pflegt, das aber hier noch einen besondern magischen, mystischen Reiz erhält. 
Ferner denke man etwa an das „uralt' alte Schlummerlied" (aus der zweiten 
Strophe) oder an die im Schlafe noch vom Tage plaudernden Quellenkinder. 
Und, vielleicht durch diese Gefühle oder die entsprechenden Vorstellungen wach 
gerufen, regen sich andere Gefühle, (sie „schwingen mit") die bei frühern 
konkreten Erscheinungen des Gelassenen, des Träumens u. s. w. unsre Seele 
durchzogen haben. All diese Einzelgefühle nun verweben sich, gehen in einander 
auf zu einer einheitlichen Stimmung. Verstärkend tritt wohl noch hinzu die 
gefühlsmäßige Anerkennung des Treffenden, der Angemessenheit, der tiefen 
Wahrheit dieser Beseelung der Nacht, also ein Gefühl des ästhetischen Beifalls. 
Beide aber, Stimmung und Phantasieanschauung, bedeuten für den Leser 
ein „Neugut", das er zwar nur durch Vermittelung des Dichters erlangt, aber 
doch selbst aus Elementen des eigenen Seeleninhaltes in sich erzeugen muß. 
So wird uns also das Gedicht zum offenbarenden Erlebnis; aber nicht, 
wenn wir es zu irgend einer beliebigen Tageszeit flüchtig lesen, sondern nur, 
wenn wir uns an der Hand des Gedichtes dem Naturbilde hingeben und unsrer 
Phantasie Zeit lassen, die poetische Anschauung nachzuschaffen. 
Zur Nachbildung der Phantasieanschauung, die in dem oben behandelten 
Gedichte zum Ausdruck kommt, waren neben den äußern Eindrücken Elemente 
unsers frühern Seeleninhaltes erforderlich. Das ist wohl bei allen lyrischen 
Gedichten, meist in noch stärkerem Maße, der Fall. Es kommt also darauf an, 
ob in uns die Elemente vorhanden sind, deren die Phantasie bei ihrer nach 
gestaltenden Thätigkeit bedarf; psychologisch ausgedrückt, ob wir die Wörter des 
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