Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Gedichtes richtig apperzipieren, mit den entsprechenden Vorstellungen begleiten. 
Denn der Dichter giebt uns ja, pedantisch genau genommen, nur eine Reihe 
von Wörtern, die zwar für ihn der sprachliche Ausdruck inhaltreicher Vor 
stellungen und lebendiger Gefühle, aber an sich doch bloße Lautmafsen, Wort 
klänge sind. Die Sprache ist eben keine Verkörperung der Gedanken wie etwa 
die bildende Kunst. Lazarus hat im wesentlichen recht, wenn er sagt: „Eine 
Statue, ein Gemälde ist ein verkörperter Gedanke; d. h. im Stein und auf 
der Leinwand in den Farben ist wirklich ein Inneres, ein Bild enthalten. Wenn 
ich die Statue ansehe, so empfange ich vermittelst des Auges ein sinnliches Bild, 
und mit dem sinnlichen Bild eben den Gedanken, d. h. das innere Bild, 
welches der Künstler gedacht und im Stein ausgeprägt hat. Nicht so im 
Worte; das Wort, das Lautgebilde, welches mein Ohr vernimmt, enthält nichts 
vom Gedanken, wenn ich das Wort, die Töne höre, so muß ich aus mir selbst 
mit ihnen den Gedanken verbinden." Die Wörter haben also nicht die Kraft, 
in der Seele des Hörers ohne jegliches geistige Material, rein aus nichts, eine 
Phantasieanschauung hervorzuzaubern. Nur wenn sie auch in ihm als Laut 
zeichen an dieselben Vorstellungen geknüpft sind wie beim Dichter, also an die, 
welche durch das Herkommen ihre Bedeutung, ihren „Sinn" ausmachen, werden 
sie für ihn zur Sprache, zum Ausdrucksmittel der Dichterseele. Nun auch erst 
können sie den Zweck erfüllen, den sie im Zusammenhange des Gedichtes haben. 
Sie bestimmen durch die Art ihrer Verbindung und ihrer grammatischen Form 
die Vorstellungen des Hörers, sich zu einer Phantasieanschauung zusammen 
zuschließen, die mit der des Dichters Ähnlichkeit hat. 
Es ist ja nun kein Zweifel, daß sich jeder Leser unter den Wörtern über 
haupt etwas und auch wohl etwas Zutreffendes denkt. Aber sehr verschieden 
ist die Klarheit der wachgerufenen Vorstellungen, ihr Reichtum an konkreten 
Einzelzügen bei den verschiedenen Lesern. Mancher Städter z. B. hat von dem 
Leben und Weben der Natur, vom Wachsen und Werden des Frühlings nur 
eine ganz blasse, schematische Vorstellung, der jede anschauliche Frische und Fülle 
mangelt, vor allem hat sein Gemüt keine tiefere Beziehung zur Natur gewonnen. 
Seine Auffasiung des Uhlandschen Gedichtes „Frühlingsglaube" wird an Klar 
heit und Tiefe hinter der eines Menschen, der mit der Natur vertraut und in 
ihr heimisch ist, weit zurückstehen. Wird er aber gar den seinen Anschauungs 
und Gefühlsinhalt der „sanften Tage" in sich nacherzeugen können? Man 
denke nur an die zweite Strophe: 
Dann steh' ich auf dem Berge droben, 
Und seh' es alles, still erfreut, 
Die Brust von leisem Drang gehoben, 
Der noch zum Wunsche nicht gedeiht.
	        

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