Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Zur Psychologie des lyrischen Genusses. 
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Ich bin ein Kind und mit dem Spiele 
Der heitern Natur vergnügt. 
In ihre ruhigen Gefühle 
Ist ganz die Seele eingewiegt. 
Nur wer selbst die feierliche Stille und Einsamkeit eines Sonntagmorgens 
auf dem Felde kennt, wer dazu ein stark entwickeltes religiöses Gefühl hat, 
deshalb tiefer Gebetsstimmung fähig ist und die Weihe wahrer gemeinsamer 
Andacht gekostet hat, nur in desien Seele werden die tiefe religiöse Stimmung 
und das „süße Graun" aus des „Schäfers Sonntagslied" überströmen. 
An einige Gedichte von Hebbel, wie „Nachtgefühl", „Herbstgefühl", 
„Morgen und Abend" will ich nur erinnern. 
Wer etwa das Meer oder die Heide nicht kennt, wird Gedichte, die sich 
auf die Anschauung derselben und ihrer Schönheiten gründen, nur in schwachem 
Maße nachfühlen können. 
Man kann also behaupten: Je ärmer der für ein vorliegendes Gedicht in 
Betracht kommende Erfahrungsvorrat sowohl an Vorstellungen wie an Gefühlen 
ist, desto dürftiger werden auch Phantasieanschauung und Stimmung. Der 
geniale Dichter wird natürlich durch die Anschaulichkeit, mit der er sein Ge 
schautes darstellt, manche Hindernisse, die ihm den Weg zum Herzen des Hörers 
versperren, überwinden. Aber von den psychologischen Gesetzen, denen auch die 
Empfänglichkeit für ein Gedicht unterworfen ist, kann er ihn nicht lösen. 
Wir haben die bisherige Untersuchung fast nur durch Naturlieder illustriert. 
Natürlich gilt aber dasselbe für die Auffassung der Gedichte, die aus dem 
Menschenleben geschöpft sind. Je reicher uns die verwandten Vorstellungen zu 
strömen , desto tiefer ist der Eindruck. Liegt dem Gedicht ein Erlebnis zu 
Grunde, das wir durch kein ähnliches erfaffend verstehn können, so wird der 
Wiederhall in unserm Herzen nicht stark sein. Welcher Fülle an Lebenserfahrung, 
welcher schmerzen- aber auch freudenreichen Vergangenheit bedarf es nicht zum 
rechten Genusse von Goethes „An den Mond" oder der „Nachtlieder"? In 
manchem Menschen werden diese und ähnlich tiefe Gedichte fast nichts als ein 
flaches Wohlgefallen an den sprachlichen Schönheiten erzeugen. Er wird nicht 
aus der klaren Quelle der Poesie trinken können, sondern nur ihr melodisches 
Rauschen hören. 
Aus den vorhergehenden Ausführungen ergiebt sich, daß manche Gedichte 
in ihrer vollen Wirkung von Haus aus auf einen engern Hörerkreis beschränkt 
sind; z. B. solche, die die Gefühle einer Mutter und überhaupt eines be 
stimmten Geschlechtes zum Ausdruck bringen. Die überragende Phantasiekraft 
des Dichters aber offenbart sich hier, indem er energischer und tiefer als der 
Durchschnittsmensch sich in einen fremden Seelenzustand versenken kann und ver 
möge seiner reichern Ausdrucksfähigkeil zu dessen Sprecher wird, so wenn ein
	        

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