Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
männlicher Dichter Gefühle des Weibes schildert. Das non plus ultra seines 
lyrischen Könnens wird er aber so schwerlich erreichen. 
Die Gebundenheit des Verständnisses poetischer Erzeugnisie an die Er 
fahrung und Phantasie des Einzelnen ist, neben manchem andern, die Ursache 
der geringen Verbreitung unsrer wirklich großen Lyriker, deren Gedichte eben 
aus einer ungewöhnlichen Tiefe der Erfahrung beruhen. Umgekehrt versteht man 
von hier aus die Beliebtheit der lyrischen Mittelmäßigkeiten, die allbekannte Ge 
fühle in wohlklingenden Versen aussprechen. 
Im Grunde sind all diese psychologischen Erörterungen ja ziemlich selbst 
verständlich. Aber sie sind leider nur nicht immer von selbst verstanden worden. 
Wären sonst die Forderungen, die sich aus ihnen für den Leser, den Konsu 
menten der Lyrik, ergeben, so oft mißachtet worden? Hätten die Genießenden 
sonst so ihre Pflichten gegen den Dichter vergessen können? Wie manchmal 
legt nicht ein Leser ein Gedicht, wenn es ihm nach einmaligem Durchlesen nicht 
gefällt, beiseite und schiebt die Schuld ohne weiteres dem Dichter zu. Ich will 
nicht das bekannte Lichtenberg'sche Wort vom Zusammentreffen eines Buches 
und eines Kopfes citieren; aber ist es nicht höchst oberflächlich, nach einmaligem 
Lesen über ein Gedicht abzuurteilen? Oben ist hervorgehoben, daß die Phantasie 
Zeit braucht zur Nachgestaltung der dichterischen Anschauung. Da reicht natürlich 
das flüchtige Durchlesen nicht aus, sondern wir müssen Zeile für Zeile der 
Seele die Zeit lassen, die Vorstellungen ins Bewußtsein zu schaffen, die der 
Dichter mit seinen Worten verbunden wissen will, die also den seinigen, wenn 
auch nicht deckungsgleich, so doch sehr ähnlich sind. So versenken wir uns in 
ein Gedicht. So auch nur merken wir, ob wir die zweite Bedingung zur 
rechten Auffassung erfüllen, ob nämlich die erforderlichen Erfahrungen, Vor 
stellungen überhaupt in uns vorhanden sind. Hoffentlich ist aus meinen Aus 
führungen recht deutlich geworden, daß diese Bedingung eigentlich die allererste 
und allerwichtigste ist. Wie oft wagt nicht der Leser über ein Gedicht zu 
urteilen, häufig mit Ausdrücken wie „überspannt", „unwahr" u. s. w., das 
doch ganz außerhalb seines Anschauungs- und Gefühlskreises liegt, über das zu 
urteilen er also gar kein Recht hat. Hier heißt es eben, sich ehrlich die 
mangelnde Erfahrung einzugestehn. Selbstverständlich wird man und darf man 
aber das Gedicht nicht dauernd beiseite legen. Die Erfahrung kommt eben mit 
den Jahren auch für solche Poesieen, und manches einst dem Gemüte fern 
liegende Gedicht kann nach Zeiten unserm Herzen ein kostbares Gut werden. 
Es sei mir zum Schluß noch gestattet, kurz darauf hinzuweisen, welche 
Wichtigkeit die Kenntnis der oben behandelten psychischen Vorgänge für den 
Lehrer, besonders den Volksschullehrer hat. Denn die Empfänglichkeit des Kindes 
für ein lyrisches Gedicht ist natürlich an dieselben Voraussetzungen gebunden wie 
die des Erwachsenen. Da es auch die poetische Anschauung nachschaffen muß,
	        

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