Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
will ich darüber gar nicht einmal mit ihm streiten; denn das sprachliche 
Manko muß ihm dann die Augen öffnen. 
Fragen 'wir also jetzt: Warum ist das Reallesebuch für den Sprach 
unterricht unentbehrlich? 
Zu den Aufgaben des Realunterrichts gehört bekanntlich nicht nur, daß er 
auf seinem Gebiete die erforderlichen Kenntnisse vermittelt und sachgemäß 
denken lehrt, sondern auch, daß der Schüler hier sachgemäß reden lernt. 
Mit dieser Aufgabe tritt der Realunterricht in den Dienst des Sprachunterrichts. 
Jedoch erhält der Realunterricht dadurch nicht eine seinen eigenen Zielen 
fremde Aufgabe, sondern eine solche, die er ohnehin um seines eigenen Lern 
zweckes willen lösen muß. 
Nun ist meine Meinung, daß der Realunterricht diese Aufgabe in ihrem 
Vollsinne ohne ein Reallesebuch nimmer lösen kann, sondern daß die Sprach- 
bildung, solange als die Volksschule nicht auf allen Stufen und in allen Schulen 
ein Reallescbuch benutzen kann, in jedem Betracht mangelhaft bleibt. Daß dem 
so ist, davon geben die Beobachtungen und Erfahrungen, die ein jeder von uns 
über die Leistungen auf dem Gebiete der Sprachbildung gemacht und noch zu 
machen täglich Gelegenheit hat, in Bezug auf Lesefertigkeit, Leseverständ 
nis, Reden und Aufsatzschreiben mehr als genügend Zeugnis. — Auch die 
Schulbehörden haben darüber Klage geführt. — Damit dürfte vorab genügend 
dargethan sein, daß die Sprachbildung, soweit sie ohne Reallesebuch, bloß wie 
bisher am sprachlichen Lesebuche gewonnen werden kann, nur eine höchst unvoll 
kommene ist. Und das kann gar nicht anders sein. Denn zunächst ist die 
Sprache, die am schönsprachlichen Lesebuche gewonnen werden kann, nicht 
naturwüchsig, praktisch und volkstümlich, sondern zu pathetisch, 
da sie mit allerlei poetischen, rednerischen und schildernden Zuthaten 
beladen ist. Man erinnere sich beispielsweise der Stücke von Meyer: das Pferd 
und der Bär, ferner von Masius: der Fuchs und der Star u. v. a. Um 
einer möglichen falschen Auffassung vorzubeugen, bemerke ich noch, daß solche 
Stücke im sprachlichen Lesebuche selbstredend aus ganz bestimmten Gründen 
ihren Platz verdienen. Es handelt sich hier darum, ob die Sprache des Volks 
schülers nach diesen Mustern gebildet werden soll, und da sage ich nein! auch 
wenn die Auswahl eine so treffliche ist wie in unserm neuen Lesebuche von 
Gabriel und Supprian. Wer von UNs redet denn z. B. so wie Chamisso in 
seiner Kreuzschau: „Doch seinen wachen Geist enthob ein Traum der irdschen 
Hülle seiner trägen Glieder." So können Sie Proben in Menge finden; aber 
die Zeit gestattet mir nicht, noch weitere Proben zu bieten. — 
Zu dem schlichten Kleide des Volksschülers paßt eben auch nur eine schlichte 
Sprache. So sehr man es tadeln würde, wenn unsere Volksschüler in allerlei 
Putz und Flitter dahergingen, ebenso tadelnswert würde es sein, wenn man
	        

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