Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Ist neben dem belletristischen Lesebuche ein Reallesebuch notwendig? 153 
ihnen eine gezierte Sprache anbilden wollte, die dann leicht Einbildung und 
Unwahrhaftigkeit im Gefolge haben könnte. — 
Wenn ich vorhin sagte, daß das sprachliche Lesebuch selbstverständlich 
solche und ähnliche Lesestücke wie die genannten zu bieten habe, so soll dadurch 
ausdrücklich betont sein, daß die Freunde des Reallesebuches das schönsprachliche 
Lesebuch nicht etwa gering schätzen, sondern im Gegenteil erst recht zu würdigen 
wissen, indem sie es dazu gebrauchen, wofür es da ist. Und darum genießen 
sie auch ganz den Vorteil, den das sprachliche Lesebuch für die Realien zu bieten 
vermag. Sie verlangen durch ihre Voraussetzung des Reallesebuches eben noch 
ein Plus zu dem, was das sprachliche Lesebuch leisten kann. 
Das Gesagte dürfte hinreichen, um erkennen zu lasten, daß die Sprache 
des belletristischen Lesebuches sich überhaupt gar nicht einmal dazu eignet, 
daß der schlichte Volksschüler in ihr reden soll. 
Thatsache ist ferner, daß die am schönsprachlichen Lesebuche gewonnene Lese 
fertigkeit nicht ausreicht. Bloß im Blicke auf die Zeit läßt sich auch schnell 
erkennen, daß die erforderliche Lesefertigkeit am sprachlichen Lesebuche allein nicht 
gewonnen werden kann. —Von den 8, bezw. 7 Deutschstunden gehen 2 Aufsatz 
stunden, 2 Stunden für Sprachlehre und 1 Stunde für Orthographie ab. 
Außerdem aber geht dem Üben im Lesen noch die Zeit für die Durch 
arbeitung der Lesestücke verloren. Es bleibt also wöchentlich I, bis höchstens Vk 
Stunden Zeit übrig für das Üben im Lesen, wenn das Lesen bloß im sprach 
lichen Lesebuche geschieht. Diese Zeit auf 70 Kinder verteilt, macht aus jedes 
Kind rund eine ganze Minute für das Üben im Lesen. — Rechne ich 
nun noch ein, daß ja Chorlesen stattfindet, und daß die Schüler still mitlesen, 
so giebt es ja etwas mehr; aber nicht viel. — Von welcher Bedeutung aber 
die Lesefertigkeit für den Schüler ist, darüber will ich solchen Männern das 
Wort lassen, deren Bedeutung wohl von keinem angezweifelt wird. Diesterweg 
sagt: „Der Standpunkt der Lesefertigkeit bietet einen Maßstab zur Beurteilung 
des allgemeinen Zustandes der Schule. Denn das Lesen ist nicht eine ver 
einzelte, von dem übrigen Geistesleben und der Gesamtbildung losgerissene 
Fertigkeit, sondern ein Resultat der ganzen Bildung. Einen der größten Vor 
teile, den die Kinder aus dem Schulbesuche mitnehmen können, ist der, daß sie 
gut lesen können." Und Pr. Dittes, der mit Diesterweg darin einverstanden 
ist, sagt: „Man scheint zu meinen, eine so leichte Sache mache sich von selbst, 
wenn nur das ABC gelernt sei, und überdies hat man mit allerlei Wissen 
schaften soviel zu thun, daß für das Lesen wenig Zeit und Interesse bleibt. 
Das ist sehr zu beklagen. Um ein geläufiges und gut betontes Lesen zu er 
reichen, also den Kindern zur eigentlichen Lesetechnik zu verhelfen, muß der 
Lehrer den Leseübungen viel Zeit einräumen." So diese beiden Schulmänner. 
Wenn nun das Lesen einen sehr bedeutenden Teil der Sprachbildung ausmacht,
	        

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