Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
wenn man ferner bedenkt, daß die ganze Weiterbildung des Schülers nach 
seiner Schulzeit fast allein abhängig ist von seiner Lesetechnik, dann ist es 
geradezu eine Versündigung an den Kindern, wenn eine Gelegenheit versäumt 
wird, die diese wichtige Seite der Sprachbildung fördern kann. — 
An den realistischen Stücken des sprachlichen Lesebuches kann die 
Lesetechnik aus dem Grunde nicht gewonnen werden, weil es erstens nicht aus 
dem Lehrplane des Real Unterrichts herausgearbeitet, sondern nach sprachlichen 
Rücksichten bearbeitet ist. Sieht man ferner von dem Gewinn ab, den das 
schönsprachliche Lesebuch nach anderer Seite, besonders für die Gemütsbildung bietet, 
so kann man von ihm mit Bezug auf die Forderung des Lehrplanes 
in den Realien sagen: Was die Kinder wissen sollen, steht nicht drin, und 
was drin steht, wird nicht verlangt. Solche Stücke würden eine vorherige 
Durcharbeitung erfordern und das Sachlernen aufhalten, und darüber soll später 
das Nötige gesagt werden. Diejenigen also, welche meinen, mit einer Leseübung 
von wöchentlich zwei Minuten auskommen zu können, fallen schon Diesterweg 
und Dittes unter das Schwert. — 
So erfordert schon bloß die Rücksicht auf die Lesefertigkeit, daß das Üben 
nicht bloß am schönsprachlichen Lesen geschieht. Daß hier nur ein Reallesebuch 
aus der Not helfen kann, wird sich ebenfalls noch aufs klarste zeigen. 
Im vorbeigehen will ich kurz noch darauf aufmerksam machen, daß auch 
die Orthographie neben dem sprachlichen Lesebuche unbedingt ein Reallesebuch 
verlangt. — 
Das Rechtschreiben ist bekanntlich ein wahres Schulmeisterkreuz. Wenn 
nun der so häufig angeführte Satz: „Das Rechtschreiben beruht vornehmlich auf 
dem Gesichtssinne," richtig ist, warum wird dann nicht Gebrauch gemacht von 
der richtigen Einsicht? Warum giebt man nicht den Kindern ein Reallesebuch 
in die Hand und läßt lesen in der Schule und zu Hause? Oder woher sollen 
die Schüler die richtige Schreibweise bekommen? Auch die fieißigste Ausnutzung 
der Wandtafel kann hier nicht Rat schaffen. Soll mit der richtigen Einsicht 
Ernst gemacht und wirklich für die Rechtschreibung gesorgt werden, so bietet sich 
kein anderer Weg als ein geeignetes Reallesebuch. Denn weil der mündlichen 
Darstellung das Lesen auf dem Fuße folgt, so prägen sich die Schüler die 
Wortbilder von selbst ein, ohne weiteres und um so besser, als durch das häus- 
liche Lesen für eine gute Wiederholung gesorgt ist. Wird aber nur mündlich 
vorgeführt und repetiert, so wird für die Rechtschreibung nichts gelernt; es kann 
nichts gelernt werden, da ja gar kein Mittel für diesen Zweck vorhanden ist. 
So erfordert also bloß allein schon das Rechtschreiben mit Notwendigkeit ein 
Reallesebuch; denn einmal wird ein gut Teil Klagen über mangelhafte Recht 
schreibung verstummen, überdies fällt ja dieser Gewinn der Sprachbildung auch
	        

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