Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Ist neben dem belletristischen Lesebuche ein Reallesebuch notwendig? 155 
ganz gratis zu, und drittens gewinnt die Schule einen beträchtlichen Teil an 
Zeit für andere Arbeit. 
Wir haben gesunden, daß nicht einmal Sprachlichtigkeit und die 
wünschenswerte Lesefertigkeit, noch viel weniger eine gesunde, volks 
tümliche Sprachbildung am belletristischen Lesebuche erzielt werden 
kann, und daß also die hier gewonnene Sprachbildung in jedem Betracht 
mangelhaft ist. Soll sie das bleiben? Ich denke, nein! — Sie wird es 
aber so lange bleiben, bis sämtliche Schulen das richtige Sprach Hilfsmittel, 
das Reallesebuch besitzen. Erst dann ist die Schule imstande, die sprach 
bildenden Kräfte, welche in den Realien, freilich z. T. schon von 
selbst, wirken, gründlich auszunutzen. 
Untersuchen wir nun zunächst, was für sprachbildende Kräfte im 
Realunterrichte wirksam sind; oder anders ausgedrückt: Welche Bedeutung 
der Realunterricht für die Sprachbildung hat? 
Ein bekannter Grundsatz der Pädagogik lautet: Unterrichte naturgemäß! 
Damit ist abgewiesen, daß der Unterricht gekünstelt sein dürfe. Wenden wir 
uns nun zu einer Stelle, wo der Unterricht ganz naturgemäß von statten geht, 
und sehen wir zu, ob wir von daher vielleicht einen Fingerzeig für unsere 
Frage erhalten können. 
Die Stelle, wo der Unterricht naturgemäß vor sich geht, ist die Familie, 
und dort ist der Unterricht vereinigter Sach- und Sprachunterricht. 
Auf dieser Stufe wird an eine Trennung nicht gedacht. Das Kind erhält 
den Namen für eine Sache, weil die Sache es interessiert, und daher schreibt 
es sich auch, daß es nachher stets, wenn es etwas Neues sieht, fragt: Was ist 
das? Mithin geht der Unterricht, wo er naturgemäß von statten geht, 
von der Anschauung der Sache zur Sprache. Es ist daher wohl zu 
beachten, daß das Interesse an der Sprache herkommt von den Sachen, 
daß es ein abgeleitetes Interesse ist. Der Sprachunterricht hat es mit 
Formen zu thun, die für den Schüler ohne Interesse sind. Was sein 
Interesse erregt, sind Sachen. Indem nun die Sachen beim Sprachen 
lernen hinzutreten, gewinnt dieses Lernen an Interesse, da dasselbe von der 
Sache auf die Sprache übertragen wird. 
(Diese WahrheitAst auch der Pädagogik nicht mehr fremd. Schon Jacotot 
ließ die sprachlichen Übungen nicht an abgerissenen Sätzen, sondern an einer 
interessanten Geschichte vornehmen, und die älteste Pädagogik, 1. Mose 2, 19, 
scheint uns denselben Rat geben zu wollen. Ferner wird diese Wahrheit bezeugt 
durch die Formel: Bereinigter Anschauungs- und Sprachunterricht, wodurch aus 
gesprochen wird, daß der Sprachunterricht am besten gedeiht, wenn er in Ver 
bindung mit '.dem sachlichen Lernen betrieben wird. Weitere Zeugnisse dafür 
bieten die richtig verstandene Normalwortmethode, ferner die Forderung, die
	        

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