Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Ist neben dem belletristischen Lesebuche ein Reallesebuch notwendig? 157 
Sachverstand und Wortverstand sind zu gleicher Zeit auf die Welt gekommen, — 
darum wollen sie auch zusammen geschult sein." — — — 
Wie nötig ferner es ist, den Sach unterricht für den Sprachunterricht 
sorgfältig zu verwerten, geht weiter auch daraus hervor, daß das be 
deutendste Sprachkapital, nämlich der Vorrat an soliden, präzisen 
Ausdrücken, gerade aus dem S a ch unterrichte stammt. Eine Bereicherung des 
Wortschatzes erwächst dem Sprachunterrichte schon, ohne daß das Sachlernen 
dafür besonders in Dienst genommen wird. Jedes Lehrfach bietet dem 
Sprachunterrichte eine große Anzahl der dem Fache eigentümlichen Ausdrücke 
an. Jedoch wird dieser Gewinn erst vollständig, wenn das Sachlernen zu 
diesem Zwecke sorgfältig betrieben wird, indem die für den Sachunterricht 
notwendigen Übungen, Hören, Reden und Lesen fleißig vorgenommen 
werden. Alsdann können nicht nur die Schüler diese Bereicherung erfahren, 
sondern sie erwerben sie thatsächlich. 
Daß der Sprachunterricht in innigster Verbindung mit dem Sach- 
unterrichte und besonders mit der Naturkunde gehalten werde, ist auch aus dem 
Grunde erforderlich, weil unsere gesamten sprachlichen Bezeichnungen her 
genommen sind von Namen für sinnliche Dinge, besonders aus der Natur 
kunde, wie das eine Menge sprachlicher Ausdrücke sofort erkennen lassen, 
z. B. entwickeln, begreifen, urteilen, schließen, folgern, Erleuchtung, Bekehrung rc. 
Je klarer und fester nun dem Kinde die sinnliche Bedeutung eines Wortes 
geworden ist, desto deutlicher muß ihm die geistige Beziehung sein. Daraus 
geht hervor, daß eine solche Verbindung abermals um der Sprach bildung, 
zugleich aber auch um der gesamten geistigen Ausbildung des Zöglings 
wegen unerläßlich ist. 
Und nun noch eins, worauf ich ganz besonders den Finger legen möchte. 
An die Sprache, die auf dem Boden der Wissenschaft sich ausbildet, wird die 
Forderung gestellt, daß sie klar, bestimmt und kurz sei. Alles, was davon 
abweicht, wird wissenschaftlich nicht geschätzt. 
Wo erwachsen der Sprache nun diese Hauptbedingungen? — Ganz be 
sonders auf dem Boden der Naturkunde. — Die Naturkunde nämlich führt 
ihre Objekte dem Kinde sinnlich vor, und daher entstehen hier so deutliche An 
schauungen und Begriffe, wie es nur möglich ist. Da nun die An sch a u u ng e n 
möglichst klar aufgefaßt sind, so faßt der Schüler auch die sprachlichen 
Ausdrücke für jene um so bestimmter auf. — Selbstverständlich muß der 
Lehrer nun auch darauf halten, daß der Schüler sich klar, bestimmt und 
kurz ausdrückt, das verlangt in erster Linie die Naturkunde selbst. Diese 
Arbeit des Lehrers wird aber auch reichlich belohnt, weil hier das deutliche 
Reden leichter ist als auf irgend einem andern Gebiete. Was hier aber 
versehen wird, kann nicht wieder gut gemacht werden.
	        

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