Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
dicare), 1 ) Münster (monasterium), Kloster (claustrum), Klause (clausa), 
Tempel (templum), Kanzel (cancelli d. i. Schranken), Kreuz (crux, 
crucis), Altar (altarc), Orgel (orgauuru), schreiben (scribere), dichten 
(dictare), Brief (brevis sc. über), Siegel (sigillum) u. s. w. u. s. w. 
Alle diese Fremdlinge wären bei gutem Willen zu vermeiden gewesen?) Zudem 
drängten sie nicht selten echt deutsche Wörter zurück, z. B. ahd. ougatora 
Augenthor durch fenestra (vgl. engl, window - Windauge), ahd. senkil- 
stein durch Anker, Eiland durch Insel, ahd. lind und wurm durch 
Drache. Doch war ihre Übernahme — und das söhnt uns damit aus — 
stets mit einem Kulturfortschritt verknüpft?) Sie wurden mit der Kultur, die 
in die tiefsten Schichten des Volkes eindrang und verarbeitet wurde, vom Volke 
angeeignet, das ihnen dann lautlich ein deutsches Kleid gab. Sie machten zu 
meist, mit Ausnahme der kirchlichen Nomenclatur, die zweite Lautverschiebung 
mit. so daß sie heute von den allermeisten Deutschen nicht als Fremdlinge er 
kannt werden. 
Die nächste Zeit (700—1100) dient dazu, die aufgenommene christliche 
und römische Kultur zu verarbeiten. Da trat in der mittelhochdeutschen Zeit 
ein ganz neues Element in den Gesichtskreis. Die Kreuzzüge, die die längst 
wieder seßhaft gewordenen Deutschen in den Strom des europäischen Lebens 
reißen, bringen die überlegene Kultur, den Glanz und die Verfeinerung des 
französischen Lebens in blendender Wirkung dem deutschen Geist näher. Das 
Rittertum ist französischen Ursprungs, und mit ihm wurden höfisches Leben 
und all die noblen Passionen in das deutsche Land verpflanzt. Spiel und Tanz, 
Jagd und Turnier, Feinheiten in Wohnung, Küche, Bewaffnung und Kleidung 
fanden an den Höfen Eingang und brachten wiederum eine Anzahl von Wörtern 
mit, die allerdings zumeist mit dem Verfall der höfischen Sitte für immer ver 
schwunden sind, weil sie nicht tief in die Volksschichten eingedrungen waren. 
Andere leben indes noch heute in unserer Sprache; zu ihnen gehören Aben 
teuer (avcuturc), Banner, blond, Tafelrunde, Turnier, Har 
nisch, Koller, Lanze, Palast, birschen (franz. berscr mit dem Pfeil * 2 
0 Ein sehr schöner deutscher Ausdruck war gotspellön d. i. von Gott erzählen 
(vgl- Bei-spiel); gotspel ist das Gotteswort, Evangelium, vgl. engl. g08p6l. 
2 ) Man vergleiche, wie die fleißigen Mönche, z. B- Kero, Notker Labeo, Williram 
n. a. in vielen Fällen einfach möglichst wortgetreu übersetzten, wenn eigene Wörter nicht 
zu bilden waren, z. B. armberzi = misericors meist mit der Vorsilbe de (be-arw- 
berzi), Gewisien = conscientia, Mittler ----- mediator, ahd. bi-jiht Beichte — Con 
fessio. Freier verfuhr man bei der Wiedergabe von paganns (heidan: beide = 
paganus: pagus), discipulus ----- jungiro, apostolus = zwelfboto, propbetia — wis- 
sagunga. Wie hat man dagegen mit tiefsittlichem und religiösem Gehalt erfüllt die 
Wörter wie Glaube, Gnade, Buße, Heil, Sünde, Schuld, Reue, Heiland u. s. w. 
->) Weise a. a. O.. S. 180.
	        

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