Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Mai 1902. 
1. Abteilung. Abhandlungen. 
Vorschläge zu einer Reform des Religionsunterrichts. 
Von Hermann Redeker und Wilhelm Pütz in Mülheim a. d. R. 
Schon seit Jahren seufzen Lehrer und Schüler unter dem Drucke einer zu 
großen Stosfmenge im Religionsunterrichte, und gerade den gewissenhaftesten 
unter den Lehrern liegt dieser Druck am schwersten auf dem Herzen. Sie 
möchten so gern Hauspriester ihrer Klasse sein und die Religionsstunden zu 
wahren Weihestunden gestalten, in denen sich die Kinder mit innigem Behagen 
und gläubigem Gottvertrauen in die Schicksale der biblischen Personen, ihre 
Irrungen und Gottes Führungen, vertiefen. Aber kaum ist der Lehrer wenige 
Tage dem Zuge seines Herzens gefolgt, da erhebt der Lehrplan drohend den 
Finger und ruft ihm zu: „Warum habt ihr weder gestern noch heute euer 
Tagewerk gethan?" Vorbei ist es nun mit dem ruhigen Versenken, vorbei mit 
der Weihe der Stunde; aus dem Priester der Klasse wird ein Treiber, der die 
Kinder anhält, das Maß Ziegel zu erfüllen. 
Zahllose Versuche sind schon gemacht worden, diesen Druck los zu werden. 
Man hat die Sache in Konferenzen behandelt; man hat Kommissionen gewählt 
mit dem Aufträge, Vorschläge zur Beschränkung der Stoffmenge zu machen; 
aber, was der eine gestrichen wissen wollte, erschien dem andern wieder besonders 
wichtig; genug, man ist bis jetzt zu keinem allgemein anerkannten Ergebnis ge 
kommen. Gesetzt auch, die Lehrer als Schularbeiter einigten sich über eine so 
weitgehende Kürzung des religiösen Lernstoffes, daß der verbliebene Rest gründ 
lich durchgearbeitet und für Herz und Gemüt der Kinder fruchtbar gemacht 
werden könnte, so würden doch die christliche Familie und die Kirche, die gerade 
auf dem Gebiete des Religionsunterrichts als Schulinteressenten gehört werden 
müssen, einer solchen Kürzung nie zustimmen, auch nicht zustimmen können; und 
selbst der Staat wird, solange er ein christlicher Staat bleibt, sich wohl hüten, 
einem so verstümmelten Religionslehrplane seine obrigkeitliche Genehmigung zu 
erteilen; denn die Schule würde als christliche Schule nicht ihre 
Pflichtthun, wennwichtigeAbschnittederReichsgottesgeschichte 
in derseben nicht zur Beh andlung kämen. 
Dennoch muß die Lösung der aufgeworfenen Frage immer wieder und 
wieder versucht werden; denn sie ist nicht bloß eine Diesseits-, sondern noch 
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