Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Borschläge zu einer Reform des Religionsunterrichts. 193 
Bedeutende Männer unseres Volkes machen von Zeit zu Zeit der Schule 
den Vorwurf, daß sie es nicht verstehe, die eigentlichen Lebensinteressen ihrer 
Zöglinge zu pflegen, und es aus diesem Grunde nicht gelinge, ein intensives, 
unmittelbares Interesse für den dargebotenen Unterrichtsstoff beim Schüler her 
vorzurufen. Darum benötige man allerlei künstlicher Mittel, wie Strafen, 
Examina, Zeugnisse rc., um das immer wieder und wieder erschlaffende Interesse 
anzufeuern, und das Resultat stehe dennoch in gar keinem Verhältnis zu der 
aufgewandten Mühe, sei auch wegen des in den Schülern herrschenden Dualis 
mus *) für die Ausbildung des Charakters geradezu verhängnisvoll. — Neuer 
dings ist dieser Vorwurf wieder erhoben worden von dem bekannten christlichen 
Wanderredner Dr. Johannes Müller aus Schliersee. (Vergl. Evang. Schulblatt, 
Jahrg. 1902, Heft 1.) 
Wer fühlt nicht, daß manches Berechtigte in diesen Beschuldigungen ent 
halten ist. Unseres Erachtens wird in dieser Beziehung gerade bei den Kleinen 
am meisten gesündigt. Wo sind die Schulen, in denen der erste Unterricht 
wirklich eine Pflege der Lebensinteressen der sechsjährigen Schulrekruten bildet? 
In der Regel ist es leider so, daß sich das Kind nach seinem Eintritt in die Schule 
nicht nur räumlich in eine neue Umgebung, sondern nach wenigen Wochen auch 
geistig in eine ihm fremde Welt versetzt sieht. 
Es gilt also, endlich in der Praxis der Unterstufe die alten, ausgetretenen 
Geleise zu verlassen und ein Neues zu pflügen.' Theoretisch ist dieses Neue längst 
verlangt worden in der Forderung des Schuldirektors Karl Richter u. a., den 
Unterricht der Unterklasse mit einem heimatkundlichen Anschauungsunterricht zu 
beginnen, der an das in der Kindesseele vorhandene Vorstellungsmaterial, soweit 
es mit den Lebensinteressen des Kindes in Beziehung steht, anknüpfen soll, das 
selbe klärend und erweiternd, um dann nach und nach die einzelnen Unterrichts 
gegenstände als selbständige Lehrfächer daraus hervorgehen zu lassen. 
So die Theorie! Daß sie richtig ist, bestreitet kein Verständiger im Ernste, 
aber wer handelt darnach? Ja, wenn eine Wahrheit anerkennen und sie wirklich 
haben, die letzten Konsequenzen ziehen, darnach leben, sie ausüben, dasselbe 
wäre, dann stände vieles besser in der Welt. 
Schlimm genug ist es schon, wenn die intellektuelle Schulung des Kindes 
die psychologischen Gesetze außer acht läßt, viel schlimmer aber, wenn dies be 
der religiösen Ausbildung der Fall ist, denn hier handelt es sich um Ewigkeits 
werte; die Mißhandlung des religiösen Interesses kann zum Seelenmord werden. 
Es gilt also, den Lebensinteressen des Kindes nachzuspüren, von denen aus die 
Brücke zu schlagen ist zu dem religiösen Interesse. 
9 Die Schüler lasten selbstverständlich ihre Lebensinteresten nicht fahren, und wer 
die Schule sie nicht pflegt, pflegen sie dieselben in ihrer Weise auf eigene Faust.
	        

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