Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 21 
Gegner gewachsen sein, ihn zu Boden werfen, ihn überwinden, 
ihm überlegen sein, obliegen (alles ganz konkret zu verstehen), aber 
auch unterliegen. Einem Freunde pflegte man den Rücken zu halten, 
ihm Rückhalt zu geben, daß er dem Feinde gegenüber standhalte; man 
konnte einen vorschieben, einem Vorschub leisten, sich hinter 
einen stecken. Dem überwundenen Feinde setzte man den Fuß auf den 
Nacken, es wurde ihm das Messer an die Kehle gesetzt, man ließ 
ihn, eigtl. sein Haupt, über die Klinge springen (z. B. in einem Fast 
nachtsspiel: dein haupt muosz dir über ein swertklingen hopfen); man 
drückte ihm den Daumen aufs Auge, um es auszudrücken oder ihm 
eins (ein Auge) auszuwischen, und das abgeschlagene Haupt benutzte man 
wohl als Schale zum Trinken (Hirnschale). Der Besiegle ergiebt sich dem 
Sieger, er giebt sich ihm zu Frieden (davon sich zufrieden geben). 
Dem Getöteten nahm man Waffen und Kleider ab (vgl. unser Raub mit dem 
aus dem Deutschen entlehnten frz. robe), von denen der Führer den Vor-teil 
bekam. 
Eine große Anzahl übertragener Redewendungen knüpft sich an den ritter 
lichen Kampf; die meisten sind bekannt. Ich erwähne: in die Schranken 
treten, einen in die Schranken fordern, den Fehdehandschuh 
hinwerfen, ins Zeug (Turnierzeug) gehen, die Spitze (der Lanze) 
bieten, mit einem eine Lanze brechen, für einen eine Lanze 
einlegen, einen aus dem Sattel heben, mit geschlossenem Visier 
kämpfen, Stich (der Lanze aus-) halten, stichhaltig sein, in allen 
Sätteln gerecht (gerichtet) sein, einen auf den Sand setzen, sich 
die Sporen verdienen, jemand die Stange halten, sich zur Wehr 
(auf das Roß) setzen, sich widersetzen, aufgebracht (auf das Pferd) 
oder aufsässig sein, in Harnisch bringen (d. i. einen nötigen, den 
Harnisch anzulegen; vgl. dazu die bayrische Redensart: einen reitend d. i. 
zornig machen)?) Der im Turnierkampfe Besiegte wurde entwaffnet und mußte 
seine Rüstung im Stiche lassen d. i. verlieren; er wurde entrüstet und 
war daher nicht gerade in der angenehmsten Gemütsverfassung, wenn nicht die 
Gnade des Siegers ihm das preisgegebene d. i. als Preis (frz. pris 
von prendre) gegebene Gewaffen zurückgab. Beim Beginn des Kampfes erhob 
der Ritter den Schild mit dem Wappenbilde, das er im Schilde führte?) 
st Das Wort stechen als Ausdruck für ritterliche Übungen und Spiele wurde 
auch auf andere Spiele übertragen. Die Kartenspieler machen Stiche, zwei stechen 
in zweifelhaften Fällen einander. Auch in Stichwahl denkt man die Gegner als 
einander stechend. Auf den vom Ziele abweichenden Stich deutet sodann die Redens 
art: einen Abstecher machen. 
2 ) Merkwürdigerweise verbindet man mit der Redensart heute eine heimliche, ver-
	        

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