Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Der stolze Ritter setzt sich aufs hohe Roß, er ist hochtrabend und 
sieht auf andere von oben herab. Als geübter Reiter darf er es 
wagen, nachzugeben d. i. dem Rosse die Zügel nachzugeben oder gar die 
Zügel schießen zu lassen, die er aber beim Wildwerden^ des Rosses kurz 
fassen, kurz halten muß, besonders, wenn es versucht, sich auf die 
Hinterbeine zu setzen. Auf die Rittertracht weisen die Redensarten: 
etwas aus dem Ärmel schütteln, auf großem Fuße leben, ge 
stiefelt und gespornt sein. Den höfischen Sitten verdanken wir sodann: 
sich alles herausnehmen (nämlich aus der Schüssel), einem das Wasser 
reichen (zum Waschen der Hände beim Essen), jemandem heimleuchten 
und durch fallen. Im Korbe zogen die Burgfrauen ihren Liebhaber empor; 
den ihnen lästigen aber ließen sie in einen mit einem schwachen Boden versehenen 
Korb steigen, der dann beim Emporziehen brach, und der unglückliche Insasse 
fiel hindurch. Das erklärt die Wendungen: mit einem Antrag durch 
fallen, in der Prüfung durchfalleu, bei einer Bewerbung 
durchfallen, unten durch sein. Später wurde es Sitte, dem ungern 
gesehenen Bewerber einen Korb mit leerem Boden zu senden, daher: einen 
Korb geben, erhalten, sich holen. 
Nach dem Niedergang des Rittertums entstanden Berufsfechter, die bei 
Bolksbelustigungen und Schaustellungen auftraten und daneben auch Fechten 
lehrten. Ein Fechter muß schlagfertig sein, festen Fuß fassen. Wenn 
man ihm scharf zu Leibe rückt und es alsdann scharf hergeht, muß er 
dem Gegner die rechte Seite abgewinnen und vor allem bei der 
Stange bleiben d. i. der Parierstange, auch darf er sich nicht verhauen 
oder gar so fechten, daß man sagen muß: es ist nicht gehauen und nicht 
gestochen. Die Streiche müssen dem gesetzmäßigen Schwingen entsprechen, also 
im Schwange sein. Entehrend ist es für den Fechter, schlechte Streiche 
zu führen oder zu machen. Oft gelingt es dem Gegner, durch geschickt zu 
Boden geführte Streiche Sand aufzuwirbeln, also ihm Sand in die Augen 
zu streuen, ein Fechterkniff wie ein anderer noch weniger zarter, nämlich den 
Gegner durch einen betäubenden Schlag übers Ohr zu hauen. Dies gelang 
aber nur, wenn sich der Gegner bloßgestellt oder dem Feinde eine Blöße 
gegeben hatte (heute sagt man unrichtig: sich eine Blöße geben), der dann 
eine gute Klinge schlagen und durch einen gutgeführten letzten Hieb den 
Ausschlag geben konnte. Beim Beginn des Fechtens nahm man unter Be 
obachtung gewiffer Formalitäten nach der Bestimmung des Loses die auf den 
steckte Absicht. Aus der Zeit der Raubritter stammt die Wendung Böses im 
Schilde führen. — An dem Schilde erkennt man den Ritter; damit hängt das 
Aushängeschild, das Schild am Wirtshaus u. a. zusammen.
	        

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