Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Zur Reform der Lehrerbildung. 221 
Gymnasium — Universität, 
Ober-Realschule — Polytechnikum, 
Realschule — Technikum u. s. w. 
IV. Diesen Vorzügen des preußischen Systems hasten aber jetzt noch be 
stimmte Mängel an. Zu ihnen rechnen wir folgende: 
1. Die Präparanden-Anstalt ist ausschließlich als Vorbereitungsanstalt auf 
das Seminar gedacht. Sie müßte als „höhere Bürgerschule" allen geöffnet 
werden, die sich eine über die Volksschule hinausgehende Bildung erwerben wollen. 
Dadurch würde die Lehrervorbildung aus ihrer Isolierung herausgenommen und 
die künftigen Seminaristen mit der Jugend anderer Stände und Berufsschichten 
in Verbindung gesetzt. 
2. Es empfiehlt sich, nicht nur einen Weg in das Fachseminar als den 
allein gangbaren festzulegen, sondern die Rekrutierungsbezirke der Lehrerseminare 
zu erweitern und etwa in folgender Weise zu organisieren: 
a) Ausgebaute Präparandenanstalt als Oberbürgerschule. 
Rekrutierungsbezirk: das Land: 
b) Realschule mit Selekta für diejenigen, die zum Lehrerberuf übergehen wollen. 
Rekrutierungsbezirk: die mittleren Städte. 
c) Ober-Realschule. 
Rekrutierungsbezirk: die größeren Städte. 
Auf solche Weise wird die Lehrervorbildung auf eine breite Basis gestellt, 
die sämtliche Volkskreise umspannt. Der gewöhnliche Weg wird allerdings vorerst 
der durch die Präparanden-Anstalten gehende bleiben: aber die Möglichkeit muß 
gegeben werden, auch durch ähnliche Erziehungsschulen in das Fachseminar einzu 
münden , selbstverständlich nach Ablegung des vollständigen Kursus der betr. 
Schulen. 
V. Die Frage des Internats wird am besten so entschieden, daß neben 
dem Externat die Möglichkeit des Zusammenwohnens für die jungen Leute geboten 
wird, ähnlich wie es an den englischen Universitäten Oxford und Cambridge der 
Fall ist. Dabei wird vorausgesetzt, daß das sogenannte Internat befreit werde 
von all' den Zwangseinrichtungen und Fehlern, die es in gerechten Verruf gebracht 
haben. 
e) Die Fortbildung des Lehrerstandes. 
I. Zur planmäßigen Fortbildung der strebsamen Elemente des Lehrerstandes 
sollen unsere Universitäten geöffnet werden, ähnlich wie dies bereits in Jena und 
Leipzig seit etwa 50 Jahren der Fall ist. Der Eintritt möge allen denen ge 
stattet werden, die in der Staatsprüfung von ihrer besonderen theoretischen und 
praktischen Tüchtigkeit Zeugnis abgelegt haben. 
II. Nach einem zweijährigen Kursus auf der Universität soll daselbst auch 
Gelegenheit geboten sein, eine pädagogisch-wissenschaftliche Prüfung abzulegen, ähnlich 
wie dies an der Universität in Leipzig seit 1865 üblich ist. Wer diese Prüfung 
mit Auszeichnung besteht, soll dann nach weiterem zweijährigen Studium zur 
Ablegung der Doktorprüfung an der Universität zugelassen werden. 
III. Zu diesem Zwecke müssen an allen Universitäten pädagogische Lehrstühle 
mit pädagogischen Seminaren und Übungsschulen eingerichtet werden, ähnlich wie 
dies in Jena seit dem Jahre 1893 der Fall ist. 
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