Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
stellungen und Schaustellungen, bei denen ein höheres Interesse der Kunst oder 
Wissenschaft obmaltet, die untere Verwaltungsbehörde Ausnahmen zulassen. Im Betriebe 
von Gast- und Schaiikwirtschaften dürfen Kinder unter 12 Jahren überhaupt nicht, 
und Mädchen nicht bei der Bedienung der Gäste beschäftigt werden. Zum 
Austragen von Waren und sonstigen Botengängen dürfen Kinder unter 10 
Jahren nicht verwandt werden, Kinder über 10 Jahren nicht vor 8 Uhr morgens 
und nach 8 Uhr abends, auch nicht vor dem Vormittagsunterrichte sowie nicht 
länger als drei Stunden täglich, Kinder über 12 Jahren auch außerhalb der 
Schulferien bis zu vier Stunden täglich. Für die ersten fünf Jahre nach dem 
Inkrafttreten des Gesetzes soll aber die untere Verwaltungsbehörde allgemein oder 
für einzelne Gewerbszweige gestatten dürfen, daß die Beschäftigung von Kindern 
über 12 Jahren bereits von 6*/a Uhr morgens an und vor dem Vormittagsunterricht 
stattfindet, jedoch vor dem Vormittagsunterricht nicht länger als eine Stunde. 
Sonntags soll die Beschäftigung von Kindern zum Austragen von Waren und 
sonstigen Botengängen die Dauer von zwei Stunden nicht überschreiten und sich 
nicht über 1 Uhr nachmittags erstrecken; auch darf sie nicht in der letzten halben 
Stunde vor Beginn des Hauptgottesdienstes und nicht während desselben statt 
finden. Sollen Kinder beschäftigt werden, so hat der Arbeitgeber vor dem Be 
ginne der Beschäftigung der Ortspolizeibehörde eine schriftliche Anzeige zu machen. 
In der Anzeige sind die Betriebsstätte des Arbeitsgebers, sowie die Art des 
Betriebes anzugeben. Nur gegen Einhändigung einer Arbeitskarte soll die Be 
schäftigung eines Kindes gestattet sein, außer bei gelegentlicher Beschäftigung mit 
einzelnen Dienstleistungen. 
Eigene Kinder dürfen im Handelsgewerbe unter 10 Jahren überhaupt nicht, 
eigene Kinder über 10 Jahren nicht in der Zeit von 8 Uhr abends bis 8 Uhr 
morgens beschäftigt werden. Im Schankbetriebe ist die Beschäftigung eigener 
Kinder gestattet. Doch können durch polizeiliche Verordnung Beschränkungen an 
geordnet werden. Auch kann die Beschäftigung von Knaben unter 12 Iah 'en 
und die Beschäftigung von Mädchen bei der Bedienung der Gäste verbalen 
werden. Zum Austragen von Zeitungen, Milch und Backwaren ist die Verwen 
dung eigener Kinder gestattet, ausgenommen, wenn die Kinder für Dritte be 
schäftigt werden. 
An Strafen sind vorgesehen Geldstrafen bis zu 2000 M. Am 1. Juli 
1903 soll das Gesetz in Kraft treten. 
Ueber die Berechtigung der einzelnen Bestimmungen etwas zu sagen ist hier 
nicht der Ort, doch mag ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß es sich nur 
um gewerbliche Kinderarbeit handelt. Wie bei den oben erwähnten Erhe 
bungen von 1898, so ist auch in dem vorliegenden Gesetzentwurf die Landwirt 
schaft ganz außer Betracht gelassen worden. Doch würde sich schon nach der 
Berufszählung von 1895 feststellen lassen, daß die Zahl der in der Landwirt 
schaft beschäftigten Kinder viel größer — etwa drei mal so groß — ist, als die 
der industriell beschäftigten Kinder. 
Wahl der Fächer für die Mittelschulprüfung. Die neuen Be 
stimmungen vom Juli vor. Jahres ließen für die Wahl der beiden Fächer einen 
gewissen Spielraum. Wie indessen diese Bestimmung an maßgebender Stelle 
verstanden wird, geht aus einer Entscheidung des Königl. Prov.-Schulkollegiums 
in Koblenz anläßlich der Meldung eines Lehrers zur Prüfung in Mathematik 
und Religion hervor: „Koblenz, den 9. Dezember 190l. Wenn in der Prü
	        

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