Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
des Zöglings geworden ist." Seit dieser Zeit stehe das Wort Bildung im 
Gegensatz zu Abrichtung. „Abrichtung findet statt, wo die Erziehung lediglich 
die Brauchbarmachung zu einem zufälligen und äußerlichen Zwecke, zu einer 
Profession, oder die Formung nach irgend einem konventionellen Modell, z. B. 
einer Konfession oder eines Standes zur Absicht hat. Hierbei verkümmert der 
Mensch als solcher, und das ist im Grunde in allen bisherigen Schulen der 
Fall: in den Lateinschulen findet Dressur zur Latinität, in den Volksschulen zur 
Konfessionalität, in den vornehmen Häusern zur Konduite und Galanterie statt. 
Es ist Rousseaus Klage: die Gesellschaft nimmt von klein auf das Kind in 
Beschlag und läßt es nicht zu sich selber, zur natürlichen Entwicklung seines 
Wesens kommen." Hiergegen stehe das neue deutsche Bildungsideal, dessen 
Wesen es sei, „die natürliche, durch organische Entwicklung frei sich bildende, 
alle Seiten des menschlichen Wesens in gesunder Fülle zeigende, vollendete 
Menschengestalt" zur Darstellung zu bringen. 
Nachdem Paulsen die etymologische Bedeutung und die geschichtliche Ent 
wicklung des Begriffes Bildung betrachtet, wendet er sich zum Wesen desselben 
und kommt zu der Erklärung: „Gebildet ist ein Mensch, in dem durch Er 
ziehung und Unterricht die menschliche Anlage zu einer das menschliche Wesen 
rein und voll darstellenden individuellen Gestalt entwickelt ist." Näher bestimmt 
er dies Bildungsideal dann mit den Worten: „Klare und tiefe, zum Wesen 
dringende Erkenntnis der natürlichen und geschichtlichen Wirklichkeit, sicheres Urteil 
über die eigenen Verhältnisse und Aufgaben, ein fester, seiner selbst gegen die 
Schwankungen der Neigungen sicherer durch die höchsten menschlichen Zwecke 
bestimmter Wille, ein feines Gefühl für das Gehörende und Geziemende, endlich 
eine disciplinierte Sinnlichkeit mit veredelten Genußtrieben, die, das Gemeine 
zurückstoßend, für alles Schöne empfänglich, einem reichen Gemütsleben zur 
Unterlage und gleichsam zum Resonanzboden dienen." 
Der einzelne Löwe, die Schwalbe, das Schneeglöckchen können als Repräsen 
tanten ihrer Art gelten; das Wesen des Menschen ist ein so reiches, daß es 
nicht nur nach Zeit und Volk, nach Stand, Beruf und Geschlecht, sondern auch 
in den einzelnen Personen zur individuell verschiedenen Darstellung kommt. 
Selbstverständlich muß auch der Begriff Bildung diesen Verschiedenheiten gerecht 
werden. 
Im Blick aus Zeit und Volk muß er die Bestimmung aufnehmen, daß 
der Gebildete zu voller und allseitiger Teilnahme an dem geistig geschichtlichen 
Leben seines Volkes und seiner Zeit sich fähig und bereit erweise. Paulsen be 
stimmt hiernach die Aufgabe der Erziehung dahin, die Entwicklung des Zöglings 
dahin zu leiten, daß er seine natürliche und menschliche Lebensumgebung zu ver 
stehen und in ihr sich zu bethätigen fähig wird. „Gebildet ist, wer mit klaren:
	        

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