Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Über volkstümliche Bildung. 
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anwachsende Jugend zu einander, zu den Alten und zur Gemeinde steht, wie es 
zur Berufswahl und zur Einführung in den Beruf kommt, wie sich die jungen 
Leute finden und heiraten, was für die Hausordnung, den beruflichen und ge 
selligen Verkehr mehr oder weniger als selbstverständlich gilt, was an religiösen, 
geschichtlichen, patriotischen, naturkundlichen, litterarischen Dingen zum Gemeingut 
gehört, wie in der persönlichen Haltung, in der Kleidung, Wohnung und weiteren 
Umgebung der Sinn für das Schöne Ausdruck und Pflege findet u. s. w. Wer 
mit der volkstümlichen Bildung vertraut werden will, dem darf im Volksleben 
nichts klein und unbedeutend sein. Das Volk reflektiert nicht über seine Bildung, 
es spricht sich nicht offen und zusammenhängend aus über das, was sein Thun 
und Lasten im letzten Grunde bestimmt. Wer seine Lebensanschauung erkennen 
will, der muß lernen, sie aus den einzelnen Lebensäußerungen zu erschließen. 
Wenn Onkel Bräsig in Reuters Stromtid de lütte Fru Pastern nicht zu dem 
betenden Hawermann gehen lassen will, weil unser Gott ein eifersüchtiger Gott 
sei, so spricht er damit zunächst nur sein persönliches Empfinden aus, zugleich 
aber auch ein Empfinden, das von dem ganzen Volkskreise, dem er angehörte, 
geteilt wurde. 
Aus guten Volksschriftstellern, wie der alte Möser, Gotthelf, aus Büchern, 
wie Hugo Meyers deutsche Volkskunde kann mau sehr viel für volkstümliche 
Bildung lernen; das beste hierunter ist aber doch das, daß sie für ihren Gegen 
stand erwärmen und lehren, worauf es besonders zu achten gilt. Das Volkstum 
ist viel zu individuell geartet, als daß für die Erkenntnis desselben von der 
liebenden Versenkung in die Eigenart des einzelnen bestimmten Kreises entbunden 
werden könnte. 
Der erste Schritt zu dieser Erkenntnis ist wohl der, daß wir einsehen, wie 
wenig wir auch hier verstehen. Ich habe viel und näher mit Katholiken ver 
kehrt, muß aber gestehen, daß ich trotzdem ihre Lebensauffassung nicht begreife. 
Wie stehen wir vor den letzten Wreschener Vorgängen? Schon aus Gründen 
unserer Unkenntnis des katholischen Wesens sollten wir uns vor Simultanschulen 
hüten. Ebenso schwach steht's mit unsrer Kenntnis andrer Berufe. Der 
Thüringer Pfarrer hat recht, wenn er sagt: „Es gehört für den Geistlichen eine 
lange Reihe von Jahren, eine nur durch herzliche Liebe und rückhaltlose Hingabe 
an die Gemeinde und die Einzelnen zu erreichende Vertraulichkeit und Vertraut 
heit mit den Bauern, ein sehr sorgfältiges Aufmerken und eine nicht geringe 
Gabe der Auffassung, Vergleichung und Schlußfolgerung dazu, wenn er die 
eigentümliche bäuerliche Denk- und Sinnesart auch nur im wesentlichen richtig 
verstehen und gerecht würdigen soll." 1 ) 
Selbstverständlich ist sehr vieles auch leicht erkennbar, z. B. alles, was im 9 
9 Zur bäuerlichen Glaubens- und Sittenlehre. Von einem thüringischen Land 
pfarrer. Gotha, Schloeßmann. S. 6.
	        

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