Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Thun und Leben der Leute von Gemeininteresse getragen zu tage tritt. Dazu 
haben wir wohl alle wiederholt Gelegenheit gehabt, die volkstümliche Bildung 
in einzelnen Personen und Familien in besonders ersreulicher Weise anschauen zu 
können. Mit besonderer Freude erinnere ich mich mancher Bauern- und Hand 
werkerfamilien, deren Häupter durch besonders gepflegte Einzelinteressen über die 
gewöhnlich vorhandene Wortkargheit hinausgehoben und durch litterarische Be 
schäftigung mit ihrem Interessengebiete sprachlich geschult waren. Wie still und 
sicher wußten sie in ihrem Reich zu walten, mit welcher herzlichen Freundlichkeit 
wußten sie jeden Gast willkommen zu heißen, ihm anzubieten, was die Tageszeit 
mit sich brachte, in ungesuchter Weise gebend und nehmend ein anziehendes Ge 
spräch in Gang zu bringen und erkennen zu lassen, was ihr Herz bewegte, wie 
bescheiden und doch bestimmt wußten sie in Wort und That ihrer Lebensanschau 
ung Ausdruck zu geben und von sich fern zu halten, was nicht für sie paßte. 
Wenn ich mit Kollegen von der volkstümlichen Bildung sprach, so ist mir 
wohl gesagt worden: Wir geben gern zu, daß es auf dem stillen Lande und in 
den Landstädtchen eine solche Bildung giebt und daß sie es wohl verdient, sich 
ernstlich mit ihr zu beschäftigen; wie steht es aber mit der Jndustriebevölkerung? 
Wie vom Winde verweht sind in kurzer Zeit die Sitten und Lebensanschauungen, 
die die Leute mitbrachten, die aus den Landwirtschaft treibenden Gegenden in die 
Jndustriebezirke kamen. Unter der Jndustriebevölkerung findet sich wohl ein großes 
Interesse für Schulkenntnisse und überhaupt für das Wissen; es scheint aber dies 
Interesse nur daraus zu beruhen, daß man das Wissen als Voraussetzung für 
Durchsetzung und Behauptung der ständischen Ansprüche betrachtet. Auch D. Rade, 
der die religiös-sittliche Gedankenwelt unserer Industriearbeiter zu einem be 
sonderen Gegenstand seiner Nachforschungen gemacht hat, entwirft von ihm ein 
wenig erfreuliches Bild, in dem es besonders hervortritt, wie wenig Eigenes und 
Ererbtes und wie viel aus andern Kreisen Herübergenommenes in diesem Ge 
dankenkreise sich findet?) 
Es ist wahr, daß das Leben in den Jndustriebezirken sehr wenig geeignet 
erscheint, eine volkstümliche Bildung bestehen und sich fortbilden zu lasten. Die 
ungünstigen Wohnungsverhältnisse, die Art der Arbeit, die Zusammenhäufung 
von Tausenden, die nie endenden Vergnügungen und Zerstreuungen, die Agitation 
für bessere sociale Verhältnisse und manches andere sind ebenso viele Hinderungs 
gründe. 
Und doch scheint mir das Urteil, als ob es hier keine volkstümliche Bildung 
gebe, ein unrichtiges. Erstens glaube ich, daß die fremd aufgenommenen Ideen, 
soviel Bezauberndes sie auch haben mögen, doch die Leute nicht befriedigen und 
ihre von den Vätern ererbten Grundanschauungen nicht auszutilgen vermögen. 
st Vgl. die Verhandlungen des 9. Evang.-socialen Kongresses. Göttingen, Vanden- 
hoeck & Ruprecht 1898. S. 66 ff.
	        

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