Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Über volkstümliche Bildung. 
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Es spottet mancher in loser Gesellschaft über Dinge, vor denen er, sobald er 
wieder für sich ist, die höchste Ehrfurcht besitzt und von denen er nicht los kann. 
In jedes Menschen Brust wohnt mehr als ein Mensch. die je nach Gelegenheit 
hervortreten, von denen aber nur einer dem wirklichen Sein entspricht. Wie 
durch den Einfluß des Windes und der Ufer an der Oberfläche des Wassers die 
Wellen allerlei Spiel treiben, während der Hauptstrom ruhig seinen Weg zieht, 
so kommt auch bei den Menschen in dem Getriebe des Lebens allerlei zur Er 
scheinung, das seiner wahren Gesinnung und Anschauung oft wenig entspricht. 
Zweitens findet sich doch auch in der Jndustriebevölkerung mehr Überein 
stimmendes in den Lebensanschauungen, als dies auf den ersten Blick scheint. 
Rade erwähnt ein Vierfaches: Die hohe Wertschätzung Christi, den Sinn für 
Gerechtigkeit und Nächstenliebe, das Dringen auf Thun im Gegensatz zum Reden 
von der christlichen Moral und (wenigstens bei manchem) die Verbindung des 
Christlichen mit ihrer Arbeiterüberzeugung. Die Arbeiter befinden sich vielfach 
in einer Kampfesstellung, und da ist es nicht zu verwundern, daß man besonders 
das auf den Kampf Bezügliche an ihnen sieht; zu ruhiger Zeit würde man 
vielleicht dieselben Leute kaum wieder erkennen. 
Wer als Lehrer oder sonstwie unter dem Volke, auch unter der Jndustrie 
bevölkerung zu arbeiten hat, der darf trotz aller Enttäuschungen unter keinen 
Umständen das Vertrauen zu der vorhandenen bessern Grundströmung im 
Menschen verlieren. Wie der Arzt bei leiblichen Erkrankungen sich der gesunden 
Kräfte des Gesamtorganismus getröstet zur Überwindung der Krankheit, zur 
Ausscheidung des Fremden, Störenden, so soll man gewiß so viel als möglich 
alles Unbillige, Störende aus dem Gesellschastsorganismus ausscheiden, darf aber 
nie vergessen, daß die Gesundheit desselben nur von innen heraus bewirkt und 
erhalten werden kann, dadurch, daß die im Menschen vorhandene Grundströmung 
die herrschende und ausschlaggebende werde. 
Es könnte scheinen, als ob zwischen der volkstümlichen und weiteren Bildung 
nur ein Größenunterschied vorhanden sei, wie zwischen einem Engeren und 
Weiteren, einem Kleineren und Größeren, einem Wenig und Mehr. 
Allerdings ist dieser quantitative Unterschied vorhanden. Man kann sich in 
volkstümlicher Weise in den Reichtum unserer Flora, in die Abhängigkeit der 
Pflanzen von ihrem Standort, überhaupt in ihr Leben vertiefen; die Möglichkeit 
aber, den Reichtum der Pflanzenwelt an Familien, Geschlechtern und Arten zu 
erkennen, gewährt nur die systematische Botanik, wie die Physiologie die Vor 
bedingung ist, ohne die ein eingehendes Verständnis des Pflanzenlebens sich nicht 
erwerben läßt. Ähnlich enthält die volkstümliche Bildung ein reiches Verständnis 
der Raum- und Zahlengrößen; aber auch hier ist das Gebiet fest beschränkt,
	        

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