Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
und wer über die Schranken hinaus will, der muß sie sich durch die wissen 
schaftliche Mathematik öffnen lassen. So vermag jeder Verständige zu erkennen, 
daß ein Dreieck durch zwei Seiten und den eingeschlossenen Winkel bestimmt ist; 
will man aber das Dreieck nach diesen Stücken berechnen, so bedarf's der. Trigo 
nometrie. Was ein Kapital ist, weiß jeder, der Geld gegen Zins einem andern 
geliehen oder es von ihm aufgenommen hat; wer aber in Bedeutung und Wesen 
des Kapitals, wie überhaupt in das Wesen der wirtschaftlichen Objekte, in die 
Zusammenhänge des wirtschaftlichen Lebens eindringen will, der bedarf der 
Socialwissenschaft. 
So zeigt sich also ein quantitativer Unterschied schon dadurch, daß die volks 
tümliche Bildung sich auf einem beschränkten Gebiete zu halten gezwungen ist, 
über das hinaus sie nur mit fremder Hülfe gelangen kann. 
Noch nach einer andern Seite zeigt sich dieser quantitative Unterschied. 
Es kann sich jeder von einer guten Übersetzung von Homers Ilias und 
Odyssee, Dantes göttlicher Komödie und Shakespeares Dramen lehren, erfreuen 
und erschüttern lassen. Bei gleichem innern Verständnis wird der mehr von 
diesen Dichtungen haben, der durch seine sprachliche, litterarische und kultur 
geschichtliche Bildung imstande ist, nicht nur sie im Original zu lesen, sondern 
sie auch nach der Intention des Dichters zu verstehen. Die Schlegelsche Über 
setzung Shakespearescher Dramen gilt wohl als die beste, aber gerade diese Über 
setzung scheint mir den Beweis zu liefern, daß streng genommen Übersetzungen 
gar nicht möglich sind und daß die guten weniger Übersetzungen als Umdichtungen 
sind, entsprechend dem Geist der Sprache, in die sie übertragen werden. Den 
Spruch: „Sehet die Lilien auf dem Felde an" versteht jeder, der Auge und 
Herz hat für die Schönheit des Pflanzenschmuckes; er würde ihn aber tiefer ver 
stehen, wenn er einen Blick durch das Mikroskop thun und durch anatomische 
Untersuchungen erkennen könnte, daß Gottes Werke unter der genaueren Be 
trachtung immer neue Kunst und Schönheit offenbaren, während die Werke der 
menschlichen Künstler nur für eine Art der Betrachtung als Ganzes schön sind. 
Im einzelnen betrachtet löst sich das schönste Ölgemälde in ästhetisch gleichgültige 
Farbenhäufchen auf, während das Blütenblatt seine zierlichen Zellen und Gefäße 
mit ihrem reichen Innen- und Wechselleben zeigt. 
Wie in den hier angeführten, so läßt sich auch in den übrigen Gebieten 
ein quantitativer Unterschied nach seiten der geringeren oder größeren Vertiefung 
nachweisen. Den wesentlichsten Unterschied haben wir damit noch nicht gefunden. 
Dieser liegt in der Unmittelbarkeit der volkstümlichen Bildung. 
Für das Kind und den schlichten Mann ist der Kreis die einfachste Figur, 
die Kugel der einfachste Körper. Ihre Entstehung ist ihnen ebenso klar wie die 
Lagerung der Teile, die man erhält, wenn man sie so oder anders durchschneidet. 
Die niedere systematische Geometrie setzt den Kreis an das Ende der Figuren,
	        

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