Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Über volkstümliche Bildung. 
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ebenso die Kugel als den letzten der Körper. Sie bemüht sich, die Kreisperi 
pherie und die Kreisfläche durch das u-Eck im Kreise und um den Kreis zu 
erfassen, wie sie die Kugeloberfläche als aus lauter Mänteln abgestumpfter Kegel 
bestehend zu berechnen und die Halbkugel als Unterschied von Cylinder und Kegel 
von gleicher Grundfläche und Höhe zu erfassen sucht. In der systematischen 
Geometrie ist es eine lange Reihe von Sätzen, die einzeln und in ihrem Zu 
sammenhang begriffen sein wollen, wenn man Kreis und Kugel verstehen will. 
Bei dem schlichten Mann beruht das Wissen von ihnen auf unmittelbarer An 
schauung; braucht er mehr, z. B. die Berechnung ihrer Größe, so läßt er sich 
das Nötige sagen und verbindet es, so gut es geht, mit seiner Anschauung. 
Auffallen muß es jedem, wie wenige der ehemaligen Volksschüler, die diese 
Berechnung kennen gelernt haben, noch etwas von ihr wissen. 
Ähnlich haben auch die übrigen geometrischen Objekte ihre bestimmte Stelle 
im System, an der sie begriffen sein wollen. Soweit sie volkstümlich etwas 
bedeuten, sind sie lediglich Objekte der Anschauung. So werden Quadrat und 
Rechteck berechnet, indem man sie in Teilquadrate mit einer Längeneinheit als 
Seite zerlegt. Raute und Rhomboid werden in Rechtecke verwandelt und dem 
entsprechend berechnet, ähnlich das Dreieck, als die Hälfte dieser Figuren. 
Riehl sagte seiner Zeit, daß er auf die Frage, warum er Protestant sei, 
keine bessere Antwort zu geben wisse, als die, weil es sein Vater auch gewesen 
sei. Sehr schön sagt Professor Baumgarten, daß der Mensch Gott erkenne, 
wie das Kind seine Mutter, die es nicht dadurch erkenne, daß man ihm sage, 
daß sie es sei, sondern dadurch, daß sie allen seinen Bedürfnissen an Pflege und 
Liebe mit einer sich nicht genug thun könnenden Bereitwilligkeit und Hingabe 
entgegenkomme. 
Da haben wir den Grund der volkstümlichen Religiosität, die Überlieferung 
und die unmittelbare Erfahrung. 
In allen Völkern hat die Lebenserfahrung die Menschen zu dem Glauben 
gebracht, daß eine höhere Hand ihre Geschicke und den Gang der Ereignisse 
leitet. In der verschiedensten Form haben sie diesem Glauben Rechnung ge 
tragen. Der Mohammedaner wappnet sich mit seinem Fatalismus, andere bringen 
Opfer und Gebete, beachten die ominösen Zeichen, setzen sich nicht zu 13 zu 
Tische, hüten sich vor Hexen und gehen nicht bei Nacht und unter ungünstigem 
Gestirn. Weiter hat der natürliche Mensch die Überzeugung, daß das Böse eine 
Strafe fordert, die Sünde der Leute Verderben sein muß. In der mannig 
faltigsten Weise suchen sie Sühne zu leisten, durch Entsagung aller Lebens 
freuden, Kasteiung, Ausübung der geringsten und schwersten Dienste, durch Hin 
gabe des Liebsten, durch Bußübungen der mannigfaltigsten Art. 
Was unter diesen Glaubenserweisungen wunderlich erscheint, ist nicht etwa 
Eigentümlichkeit des wenig gebildeten Mannes; auch in den feinstgebildeten Kreisen
	        

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