Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
fürchtet man die Zahl 13 und läßt sich weissagen. Napoleon 1. sagte von 
seinen Generalen, daß nur einer unter ihnen vor Tagesanbruch Mut gehabt 
habe. Die Erfahrung lehrt, daß dem Aberglauben nur der wahre Glaube ein 
sicheres Ende zu bereiten vermag. Wenn ein Mensch weiß, was seines Vaterö, 
seiner Urväter Trost und Stab gewesen ist, was ihm als solches ist überliefert 
worden, das hält er in Ehren, und er wird dies um so mehr thun, es um so 
reiner bewahren, je mehr es sich auch ihm in guten und bösen Tagen als Halt 
und Stütze bewährt hat. 
Der Höhergebildete begnügt sich nicht mit der einfachen Legitimation der 
religiösen Überlieferung an dem Herzensbedürfnis, er weiß, daß die Väter, die 
nicht seine erkenntnistheoretischen Mittel besaßen, leicht sich irren konnten in dem, 
was sie für Wahrheit hielten. Er untersucht kritisch die Quellen, aus denen 
die Wahrheit fließen soll, und gewährt ihnen nur die Anerkennung, die die Er 
gebnisse seiner Kritik ihm gestatten. Von I. H. Jacobi sagten seine Schwestern: 
Mit dem Kopf ist er ein Heide, mit dem Herzen ein Christ. 
Am deutlichsten und anziehendsten erscheint uns die volkstümliche Ursprüng 
lichkeit in den Volksdichtungen, den Märchen, Sagen, Gleichnissen, Sprüchen, 
Kinder- und Spielliedern, Reimen, Rätseln rc., vor allem auch in dem Volks 
gesang, dem Volkslied. Ein Ideal volkstümlicher Dichtung'sind die Gleichnisse 
des Herrn, wie wir sie in Matth. 13 und Luk. 15 finden. Ich fand vor 
einiger Zeit in einer theologischen Zeitschrift einen Versuch in neuen Gleichnissen 
religiöse Wahrheiten in ähnlicher Weise zur Darstellung zu bringen. Man muß 
solche Versuche sehen, um recht lebendig zu fühlen, was wir, auch rein litterarisch 
betrachtet, an Jesu Gleichnissen haben. 
Die Volkspoesie ist einfach, anschaulich, derb, will nichts sein; die Kunst 
poesie ist vielfach das Gegenteil. Sogar ein Frobel mutet den Kindern folgende 
Reimerei zu: 
Wir haben froh uns hier gefunden, 
Der Lebenstrieb hat uns verbunden; 
Beschäftigung ist unsre Lust, 
Mit ihr kommt Freude in die Brust. 
Wie die Volkspoesie aus der Anschauung geboren ist, so bietet sie ihre Er 
gebnisse in anschaulicher Sprache; und da sie nicht Einzel- sondern Gemeingut 
enthält, tritt sie ebenso anspruchslos wie sicher hervor. 
Für die Natur hat der Mensch ein vielseitiges Interesse. Er fühlt sich 
als ihr zugehörig, ihre Gaben werden in der mannigfachsten Weise von ihm 
verwertet, vor den verschiedensten Gefahren gilt es sich zu schützen; die Gesetz 
mäßigkeit ihrer Vorgänge reizt sein Nachdenken zu ihrer Erkenntnis, ihre Groß 
artigkeit und Schönheit kann er nicht teilnahmlos betrachten.
	        

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