Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Über volkstümliche Bildung. 
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Es giebt wohl kaum auf dem Lande ein Haus, das nicht in seiner Um 
gebung oder an seinen Fenstern einen Blumenschmuck zeigte. Der höher Ge 
schulte liebt es, die schönen Pflanzen mit ihrem lateinischen Namen zu bezeichnen, 
der Volksmund wählt charakteristische Eigenschaften für die Bildung des Namens 
oder sucht den lateinischen seinem Idiom entsprechend umzubilden. So heißt bei 
uns der Gundermann „Kiek dör den Tun", das Zittergras „Bewerkes", die 
Hahnenfußarten heißen „Butterblumen". Plinius erzählt, daß die italienischen 
Schiffer die Westküste der Balkanhalbinsel nach dem die dortigen Felswände be 
deckenden Goldlack, der damals viola hieß, Violarien genannt haben. Unsere 
Leute nennen den Goldlack „Murviölken" (Mauerveilchen), ein Name, der ebenso 
deutlich seine Herkunft wie das Bestreben des Volkes zur Verdeutschung zeigt. 
Mächtig hat der Gedanke an Nutzen und Schaden der Naturkörper das 
volkstümliche Interesse in Bewegung zu setzen vermocht. Es ist erstaunlich, mit 
welcher Sicherheit die Hausfrauen in ihrem Gemüsegarten die keimenden Kräuter 
zu unterscheiden, und die armen Frauen, die sich für ihre Ziege und ihr Schwein 
das Unkraut aus den Getreidefeldern auszuraufen pflegen, die verschiedenen Arten 
zu erkennen wissen. 
Sehr eng hängt mit der Unmittelbarkeit der volkstümlichen Bildung die 
hohe Wertschätzung zusammen, deren sie sich bei ihren Besitzern erfreut, wie dann 
aus dieser Wertschätzung wieder die Zähigkeit sich ergiebt, mit der sie behauptet 
zu werden pflegt, und die Triebkraft, die zu ihrer Weiter- und Fortbildung in 
ihr liegt. 
Es ist oft von Volkskennern ausgesprochen worden, daß die schlichten Leute 
ebenso gering von ihrer Bildung wie hoch von der der studierten Leute dächten. 
Es ist dies richtig, wenn man die Schätzung statt eine geringe eine bescheidene 
nennt, mit der sich die Höhe der Schätzung und die zähe Behauptung sehr wohl 
verträgt. 
Wie wir mit der Muttersprache, ohne es zu merken, feste Normen unsers 
Denkens und Empfindens überkommen, so haben wir in der volkstümlichen 
Bildung eine Welt- und Lebensauffasiung, die uns ebenso unbemerkt wie mächtig 
bestimmt, weil sie unmittelbar aus dem Leben von Generationen herausgewachsen 
ist und wesentlich nur das enthält, was sich in diesem Leben als wertvoll er 
wiesen hat. Durch Professor Dörpfeld wissen wir, wie viel in dem Leben der 
heutigen Griechen noch ist, wie es in den Tagen Homers war. Pastor Schneller 
hat uns erzählt, wie viel wir aus dem jetzigen Leben in Palästina für das 
Verständnis der Evangelien lernen können. Der thüringische Pfarrer, der jahr 
zehntelang Glaube und Sitte seiner Gemeinde zu erforschen sich bemüht hat, hat 
uns berichtet, wie fest die Bauern auch dort an dem Ererbten halten und wie 
wenig Eindruck das Abweichende auf sie macht. Von verschiedenen streng lutherisch 
oder reformiert gerichteten Gemeinden, die längere Zeit anders gerichtete Pfarrer 
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