Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 25 
halten, er war geliefert. Eine mildere Strafe war der Staupenschlag, 
der dem von ihm Betroffenen alle Ehre und Achtung raubte: er war ein 
geschlagener Mann. Als weitere Strafe ist das Auflegen oder Aufbinden 
einer Rute an den Hals. oder Rücken bekannt (sich selbst eine Rute 
binden); man stellte einen an den Pranger, man brandmarkte ihn, 
indem man ihm eine Marke, ein Zeichen auf Stirn oder Wangen auf 
brannte. Die entsetzlichste Strafe ist das Rädern, wobei dem unglücklichen 
Verbrecher die Glieder zerschlagen und verstümmelt wurden; daran erinnern die 
Wendungen sich wie gerädert fühlen und eine Sprache radebrechen 
d. i. verstümmeln. 
Die meisten Verbrechen konnte man mit Geld büßen. Eine ausgestorbene 
Bezeichnung für Geldbuße hat sich hinübergerettet in der Wendung in die 
Brüche gehen (vgl. Grimms Weistümer, Bd. III, S. 213, Meyerding zu 
Volkerson: Der Richter richtet an die Schöffen die Frage: Was denn die 
Brüche seyn soll? Brüche ist verwandt mit ndd. broke, Verbum broken, das 
erhalten ist in der Wendung der hat feste brocken müssen, das mit ein 
brocken nichts zu thun hat). Die Strafe der Freiheitsentziehung war den alten 
Germanen unbekannt; sie führte die Ausdrücke Stock und Loch in unsere 
Sprache ein. Der Stock ist ein Holzverschluß, in den Füße und Hände des 
„verstockten" Sünders gespannt wurden; das Loch dagegen (von ahd. 
lühhan schließen, vgl. Luke) bedeutet Verschluß oder Absperrung eines Raumes; 
davon: ins Lock kommen oder fliegen, eingelocht werden. — Das 
Begnadigungsrecht wurde so gehandhabt, daß man den Verurteilten mit dem 
Mantel zudeckte oder bemäntelte (vgl. mit dem Mantel christlicher 
Liebe zudecken, mhd. deckemantel). Nicht selten waren auch die Gottes 
urteile, die aus den ältesten Zeiten stammen. Der Beklagte konnte sich 
rein waschen, sich weiß brennen, die Feuerprobe bestehen, Gift 
oder das Abendmahl auf etwas nehmen u. s. w. (vgl. wie auf 
feurigen Kohlen sitzen, für jemand durchs Feuer gehen). Auch 
durch das Los entschied die Gottheit; man konnte den kürzeren (Halm) 
ziehen. Diese Entscheidung liebte man bei Besitzstreitigkeiten. Man trat ein 
Besitztum damit an, daß man sich darauf setzte (sich in Besitz setzen) 
oder trat (in Besitz treten, einen Besitz antreten) oder darauf 
stand (etwas durch Kauf erstehen). So wurde man auch in ein Amt 
eingesetzt, die Stelle wurde besetzt. Die rechtliche Entziehung des 
Eigentumsrechtes nennt man oft Entsetzung; man wird seines Amtes 
entsetzt oder abgesetzt. Man setzt jemand den Stuhl vor die 
Thür, während man einem andern etwas anheimstellt d. i. in sein Heim 
stellt. Auch durch Handanlegen beweist man sein Eigentumsrecht. Das erklärt die 
Redensarten: die Hand an etwas legen, etwas aus der Hand
	        

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