Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
selten zu kurz kommt. Inhalt und Ton der Lesebücher sind mehrfach zu hoch 
ideal. Manche der Bücher führen einen beträchtlichen Ballast veralteter Stoffe 
mit sich, was in der starken Abhängigkeit von gemeinsamen älteren Quellen und 
in dem Mangel an eigenem Forschen nach geeigneten Lesestücken seinen Grund 
hat; unsere Litteratur seit 1870 ist zu wenig ausgenutzt. Es macht sich in 
dem Lesebuche öfter eine litterarische und zuweilen auch eine Pädagogische Enge 
der Auffassung und des Gesichtskreises geltend. Darum hat es seine frühere 
Bedeutung als Volksbuch nicht behauptet; sein Inhalt ist dem Volke viel 
fach fremd. 
Auch die sprachliche Form giebt Anlaß zu Ausstellungen. 
Bei der Auswahl von Stücken klassischer Meister ist nicht immer darauf 
geachtet, daß sie für Kinder verständlich sind, und die mit den Stücken vor 
genommenen Veränderungen verwischen nicht nur die Eigentümlichkeit der Schreib 
weise, sondern sind nicht selten Verschlechterungen des ursprünglichen Textes. 
Selbst die Grammatik, die Rechtschreibung und die Interpunktion sind nicht 
immer einwandfrei; auch die Drucklegung, sowie die ganze äußere Ausstattung, 
einschließlich der Bilder, zeigen erhebliche Schwächen. 
Herausgeber und Verleger haben sich in den letzten Jahren um Beseitigung 
der angeführten Übelstände bei Veranstaltung von Neuausgaben bemüht; aber 
daß dafür meist eine zu kurze Zeit vorgesehen wurde, vereitelte die gründliche 
Abhilfe. 
Die demnächst einzuführende neue Rechtschreibung wird ohnehin voraus 
sichtlich in nicht zu ferner Zeit zu Neudrucken der Lesebücher führen. Daher 
ist der augenblickliche Zeitpunkt besonders geeignet, neben den formellen Ver 
besserungen der Lesebücher auch eine Verbesserung ihres Inhaltes vorzunehmen. 
Zu diesem Zwecke wolle die Königliche Regierung sämtliche in ihrem 
Bezirke gebrauchten Volksschullesebücher einer sorgfältigen und unnachsichtlichen 
Prüfung daraufhin unterziehen, welche von ihnen unverändert weiter zu gebrauchen, 
welche umzuarbeiten und welche etwa ganz zu beseitigen sind. 
Die Prüfung ist nicht nur nach theoretischen Erwägungen vorzunehmen, 
sondern auch nach den Bedürfnissen der Schulpraxis. 
Außer der Beteiligung der Schulräte und der Schulinspektoren wolle die 
Königliche Regierung zu ihr in ausgedehntester Weise tüchtige Lehrer oder ganze 
Lehrerkollegien und Lehrerkouferenzen des eigenen Amtskrcises, wie auch geeignete 
Schulmänner aus dem Amtsbereiche des Provinzial-Schulkollegiums nach Be 
nehmen von diesem heranziehen. 
Für die Beurteilung der Bücher seien mit Rücksicht auf die ihnen zur Zeit 
am meisten anhaftenden Mängel ohne Eingehen auf Einzelheiten besonders 
folgende allgemeinen Gesichtspunkte hervorgehoben: 
1. Das Volksschullesebuch muß die Eigenart der durch natürliche wie ge 
schichtliche Kräfte entwickelten Landschaften zeigen, für welche es bestimmt ist. Es 
ist dabei nicht zu übersehen, daß eine beträchtliche Zahl von Regierungsbezirken 
und Provinzen, ja selbst weite Gebiete mehrerer Provinzen landschaftliche Ein 
heiten bilden. Durch die Rücksicht auf diese dürfen die notwendigen allgemeinen 
Gesichtspunkte: der preußische Staat, das deutsche Vaterland und das allgemein 
Menschliche nicht beeinträchtigt werden. 
Die Bedeutung der Religion für die Erziehung verlangt, daß durch die 
Lesebücher auch ein Zug religiöser Wärme hindurchgehe. Fernzuhalten ist dabei
	        

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