Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
6. Die Sprache des Lesebuches muß volkstümlich und darum einfach sein, 
weil sonst die engbegrenzte und nicht selten ungenaue Sprache des Kindes an ihr 
sich nicht erweitern und berichtigen kann. 
7. Das Lesebuch biete darum Stücke aus den besten Schriften unserer 
Litteratur, soweit sie dem kindlichen Verständnisse zugängig sind. Die Ansprüche 
an Darstellungen, welche eigens für dasselbe angefertigt werden, dürfen nicht 
etwa geringer sein; auch bei ihnen ist das beste zu verlangen. Dürrer Leitfaden 
stil ist streng fernzuhalten. 
Die Prüfung erfolge gerade in diesem Stücke besonders genau und un 
erbittlich. 
Es sind nicht nur die Schriftsteller der älteren Zeit bis zur Mitte des 
vorigen Jahrhunderts zu benutzen, soweit ihre Arbeiten noch heute Wert haben, 
sondern auch solche der neuesten litterarischen Entwicklung, und zwar ist ebenso 
die Buch-, wie die Zeitschriften- und die Zeitungslitteratur mit Stücken, welche 
durch ihren Inhalt wie durch die Form ihrer Darstellung den gestellten For 
derungen entsprechen, zu verwenden. 
Die durch Gesetz erfolgte Regelung dieser Früge sowie innere Gründe 
fordern, daß die Entlehnung möglichst wortgetreu sei. Das Kind soll durch das 
Lesebuch die Befähigung gewinnen, Bücher u. dergl. lesen zu lernen, wie sie das 
Leben ihm später bieten wird. Nur in den dringendsten Fällen sind Ver 
änderungen der Form angängig, welche den Sinn nicht beeinflussen. Dichtungen 
vertragen solche nicht ohne Einbuße ihres poetischen Gehalts; Änderungen bleiben 
darum bei ihnen ganz ausgeschlossen; der Reichtum unserer Litteratur auf diesem 
Gebiete gestattet es. 
8. Eingehendste Sorgfalt verlangt die Rechtschreibung und Interpunktion. 
In der Grammatik sind sogenannte Verbesserungen zu vermeiden, die selbst vor 
unsern Klassikern nicht Halt machen. 
9. Der Umfang des Lesebuches ist auf das Maß zu beschränken, welches 
ein Heimischwerden der Kinder in ihm ermöglicht, weil es nur so seiner erzieh 
lichen Aufgabe gerecht werden kann. Namentlich das abschließende Lesebuch 
gestatte eine lange Benutzung durch das Kind. Die einklassige und die Halbtags 
schule kennen am besten außer der Fibel und dem sich anschließenden Lesebuche 
für die Unterstufe nur das einbändige Lesebuch. 
10. Die Anordnung der Stoffe innerhalb der einzelnen Bände erfolge 
nach sachlicher Zusammengehörigkeit und Reihenfolge. Daß der Stoff der Bände 
für die höheren Stufen ausschließlich konzentrische Kreise zu dem Stoffe der 
niederen Schulen bildet, entspricht nicht dem geistigen Fortschritte des Kindes; 
gewisse Stoffe seien auf den unteren Stufen ein für allemal abgethan. 
11. Der Ausstattung des Lesebuches mit Bildern ist überall da eine größere 
Bedeutung nicht beizulegen, wo die Schulen über gute Veranschaulichungsmittel 
verfügen, wie in den großen Städten. Bilder von Gegenständen und Vor 
gängen, welche in dem Vorstellungskreise des Kindes liegen, gehören nicht in das 
Lesebuch. Nur wirklich gute Bilder, welche für das Verständnis eines Lesestückes 
unentbehrlich sind, können Aufnahme finden. 
12. Daß die Verwendung verschiedenartiger Typen, eine, was Größe der 
Buchstaben und Breite der Zwischenräume anbetrifft, den hygienischen Ansprüchen 
genügende Drucklegung, kräftiges Papier von guter Farbe, ein dauerhafter Ein 
band und ein für ärmere Eltern berechneter niedriger Preis bei der Prüfung
	        

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