Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

274 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
c) sie ist grundsätzlich falsch, denn nicht das Rechtschreiben, sondern der Sach- 
unterricht hat zu bestimmen, wo der Begriff auftreten soll. 
3. Es werden wichtige methodische Grundsätze verleugnet: 
a) es ist Psychologisch nicht richtig, daß sich der Schüler der Unterstufe eine 
verhältnismäßig große Zahl von Wortbildern isoliert vom Sach- 
unterricht einprägen soll, 
b) das Sprachverständnis wird in gröblichster Weise vernachlässigt, 
c) manche der angegebenen Regeln sind falsch oder ungenau oder überflüssig. 
4. Der ganze Betrieb ist zu mechanisch, die Übungen ad hoc sind interesselos, 
langweilig und zeitraubend, 
5. nach ihrem sprach- und geistbildenden Werte nehmen sie nur eine unter 
geordnete Stellung ein. 
Summa: Der isolierte Lehrgang im Rechtschreiben ist zu verwerfen. 
Man sieht: die Erwägungen der Kommission waren von dem bekannten 
Dörpfeldschen Grundsätze beherrscht: „Die Sprachbildung will ihrem 
Kern nach in und mit dem Sachunterricht erworben sein." 
Die aus diesem Grundsätze für den Betrieb des Rechtschreibeunterrichts sich 
ergebenden Konsequenzen sind bislang noch nicht erschöpfend gezogen. Die her 
gebrachte Praxis steht durchweg damit noch sehr in Widerspruch. Darum hatte 
die Kommission das Bedürfnis, die Gründe ihrer ablehnenden Stellung der 
Hauptkommission gegenüber, die ja schließlich den ganzen Lehrplan komponieren 
soll, noch etwas ausführlicher darzulegen. Dies geschieht in den „Richtlinien". 
Die darin behandelte Frage hat ohne Zweifel nicht nur lokales Interesse. 
Darum bitten wir, verehrter Herr Doktor, um Abdruck dieser Arbeit in 
Ihrem geschätzten Blatte. Dadurch werden vieler Augen auf denselben Punkt 
gerichtet. Hoffentlich finden sich dann auch viele, die gern mit Hand anlegen, 
um „das drückende Schulkreuz" aus der Welt zu schaffen. 
Die Kommission hat mit ihrer kritischen Untersuchung und mit ihren prak 
tischen Anweisungen noch nicht alle Fragen gelöst, und sie weiß das auch. An 
eine Frage sei hier nur erinnert: Können wir bei dem empfohlenen Lehr 
verfahren fürs Rechtschreiben auf einen Leitfaden für die Hand der Kinder 
überhaupt verzichten? Wenn aber nicht: Wie muß das Hülfsbuch dann 
beschaffen sein? Die Beantwortung ist um so schwieriger, als hier die Gründe, 
die in der Natur der Sache selber liegen, nicht allein entscheiden. Es muß 
auf manches andere: aus die Eigenart der Lehrer, auf die Vielklassigkeit der 
Schulen, auf Sicherung der Kontrolle, die erst einen lückenlosen Fortschritt 
ermöglicht, u. dgl. Rücksicht genommen werden. Festzustehen scheint mir vor 
der Hand nur zweierlei: 1. daß die Kinder neben allem anderen Not 
wendigen angeleitet werden müssen, im Laufe des Unterrichts an den geeigneten 
Stellen Wörtergruppen mit gleichartiger Schreibschwierigkeit selbst zu bilden, und 
2. daß wir ein zweckmäßig angelegtes Wörterverzeichnis (zum Nachschlagen für 
die Kinder in Zweifelsfällen) nicht entbehren können. 
In aufrichtiger Verehrung 
Ihr 
sehr ergebener 
N. N.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.