Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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Richtlinien für den Unterricht im Rechtschreiben. 
A. Vorbemerkungen. Abgrenzung. 
1. Unter den verschiedenen Zielen der Sprachbildung gebührt nicht der 
Sprachrichtigkeit, sondern der Sprachfertigkeit und dem Sprachverständnis die 
erste Stelle. Auch beim Schreiben muß in erster Linie die Fertigkeit betont 
werden; dann erst kommt die Richtigkeit. 
2. Die drei Zweige der Sprachrichtigkeit sind Zeichensetzung, grammatische 
Richtigkeit und orthographische Richtigkeit oder Rechtschreiben. Die richtige 
Zeichensetzung und die grammatische Richtigkeit haben sowohl für die gesamte 
Bildung, wie für die praktische Sprachbildung des Schülers höheren Wert, als 
das Rechtschreiben; die betreffenden Übungen sind auch, weil weniger mechanisch, 
interessanter, als die Rcchtschreibeübungen und führen mit geringerer Mühe zu 
einem befriedigenden Abschlüsse. 
3. Bei den Rechtschreibeübungen — vom einfachen Abschreiben bis zum 
freieren Aufschreiben (Aufsatzübungen) — machen die Fehler der Oberflächlichkeit 
dem Lehrer am meisten zu schaffen. Nicht das Rechtschreiben ist das Kreuz der 
Schule, sondern Oberflächlichkeit, Flüchtigkeit und Eilfertigkeit, Zerstreutheit und 
Zerfahrenheit der Schüler sind es; sie sind nicht ein, sondern das Schulkreuz. 
Darum ist, insbesondere bei allen schriftlichen Arbeiten, auf strenge Gewöhnung 
an die äußerste Sorgfalt und Pünktlichkeit zu halten. 
4. Bei Beurteilung der Fehler gegen die Sprachrichtigkeit hat man danach 
vier Gruppen zu unterscheiden: Zeichenfehler, Sprachfehler, eigentliche Recht 
schreibefehler und — Flüchtigkeitsfehler. Zu einer wirksamen Bekämpfung der 
Fehler gehört nun auch. daß sie, z. B. bei Aufsatzübungen, verschieden bezeichnet, 
ihrer Eigentümlichkeit nach in verschiedener Weise verbessert und bei etwaiger 
Bestrafung verschieden gewertet werden. Die Flüchtigkeitsfehler sind selbst 
verständlich am strengsten zu rügen?) 
B. Ziel. Methode. Stellung im Lehrplan. 
1. Das Ziel der Volksschule im Rechtschreiben kann — auf den Umfang 
gesehen — nur ein bescheidenes sein. Auch im Rechtschreiben soll weder Fach 
bildung erstrebt werden, noch kann und soll es Aufgabe der Volksschule sein, 
den Schüler dahin zu bringen, daß er alle möglichen Zweifels- und knifflichen 
Fälle im Rechtschreiben beherrsche. In den Grenzen seiner Sach- und Sprach 
bildung soll der Schüler rechtschreiben lernen, darüber hinaus nicht. In diesen 
Grenzen soll er aber auch möglichst Vollkommenes leisten. 
3 Man bezeichne bei der Aufsatzkorrektur auf dem Rande Flüchtigkeitsfehler etwa 
durch !, Zeichenfehler durch ?, Fehler gegen die grammatische Richtigkeit durch —, 
orthographische Fehler durch > . 
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