Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 29 
Den Wörtern hing noch das Sinnliche des ersten Eindrucks an?) Der Satzbau 
ist einfach; Nebensätze sind unbekannt. „Ich weiß, daß er lebt" ist ursprünglich 
„ich weiß das: er lebt". Der Gleichklang im Anlaut (Stabreim) giebt der 
Rede etwas Starres, das durch den Bilderreichtum zwar etwas gemildert wird. 
In der Poesie werden entsprechend den heftigen Leidenschaften und den un 
gestümen Handlungen der Personen bedeutsamere Gedanken in feierlicher, kraft 
voller Weise wiederholt. Der Hintergrund der Ereignisse tritt gänzlich zurück?) 
Zwei Verse aus dem Hildebrandslied (V. 63. 64) mögen als Beispiel genügen: 
äo lettnn 86 aerist asckim scritan, 
scarpen scürim; dat in dem sciltim stont. 
Da ließen sie zuerst (die Rosse) ausschreiten mit den Eschenlanzen zu scharfem 
Schauer: das stand in den Schilden. 
Mit dem Eindringen des Christentums und der römischen Sprache 
trat unsere Muttersprache in eine Übergangszeit, in der sie ihre einfache Schön 
heit verlor. Die Satzungeheuer der lateinischen Sprache fanden Eingang, und 
die Einfachheit der Satzfügung schwand. Z. B.: 
do wart hi stunt mit dem eristin man 
suslich gidingi gitän, 
daz er ein einwig rungi 
mit dem giboti vur mannkunni, 
ob er den sigi irwurbi, 
daz der mennischi nimmir irsturbi. 
Da wurde gleich mit dem ersten Menschen die Verabredung getroffen, daß er einen 
Einzelkampf ausföchte für das Menschengeschlecht mit der Bedingung, daß, wenn er den 
Sieg erwürbe, der Mensch nimmer stürbe. 
Anders wurde es, als der höfische Dichter, der Ritter, die 
Sprache meisterte. Wie man von ihm nicht nur Mut und Kriegstüchtigkeit, 
sondern auch elegantes Äußere, Feinheit und Anstand der Bewegungen, gewandtes 
Benehmen beim Waffenspiel wie in der Gesellschaft verlangte, so brachte er auch 
die starre Sprache in eine gefälligere, geschmeidigere Form. Die alte Klangfülle 
ging zwar ein, die Sätze waren aber gelenkiger, die Darstellung war warm und 
gemütvoll, der Ausdruck gerundet. Der Wortschatz nimmt, wie nachgewiesen, 
auf die Kultur der Zeit Rücksicht, besonders auf die hösischen Sitten. Be 
zeichnend auch ist, daß die Wortbedeutung mehr durchgeistigt ist und die Zahl 
9 Vgl- hierzu Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Bd. I, S. 295. 
297 f. Lam precht a. a. O., Bd. II, S. 183. Behaghel a. a. O., S. 196 ff. 
9 Paul, Grundriß, Bd. II, S. 267 ff. 
9 Schauffler, Althochdeutsche Litteratur. Leipzig. S.
	        

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