Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Erziehungs- und Bildungsfragen auf den Kongressen. 
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Daß wir zur öffentlichen Erziehung verpflichtet sind, mit anderen Worten, 
daß wir das Wohl unsers Nächsten nach besten Kräften zu fördern haben, das 
sagt einem jeden sein Gewissen; nach dem Maß der sittlich-religiösen Bildung 
kann nur der Kreis der Verpflichtung ein verschiedener sein. Wenn wir Lehrer 
sehen, daß ein Schüler, wenn auch lange nach der Schulzeit, auf böse Wege 
gerät, so ersteht uns gleich die Frage: Was hast du an dem Schüler versäumt, 
daß er solche Wege gehen kann? Ich muß gestehen, daß es mich in solchem 
Falle gar nicht tröstet, wenn ich zwischen seiner Verfehlung und meinem Thun 
und Lassen keinen Zusammenhang finden kann, wenn also seine Verfehlung nicht 
als Folge einer mangelhaften Berufserfllllung erscheint. Es ist mir immer pein 
lich, dem Verirrten oder seinen Angehörigen zu begegnen, denn ich muß mir sagen: 
Hättest du mehr Liebe und Ernst an seine Erziehung gewandt,-.hättest du ihn ernster 
zur Selbstzucht und Gottesfurcht erzogen, so wäre es vielleicht anders gekommen. 
Wohl stehen die Wege der Menschen in Gottes Hand, das aber entbindet 
uns nicht, an jedem unsrer Mitmenschen unsere Pflicht zu thun. 
Es giebt allerdings noch einen Einwand, mit dem die Unthätigen sich zu 
entschuldigen bemüht sind. Sie sagen: Die öffentliche Erziehung ist unausführbar. 
Man kennt ja in den Großstädten und den Jndustriebezirken nicht einmal die 
Leute, die mit uns unter demselben Dache wohnen, und was soll der Einzelne 
ausrichten gegen die allerdings sehr beklagenswerten Ausschreitungen, die nun 
einmal in dem unruhigen Getriebe unvermeidlich sind? 
Aber warum kennen sie ihre Nachbarn nicht? Ist es nicht der ebenso 
falsche wie unchristliche Bildungs- und Ehrbegriff, der sie so gleichgültig macht 
gegen die Menschen in ihrer Umgebung? Bequem mag es sein, von ihnen keine 
Notiz zu nehmen; es mögen auch allerlei unliebsame Erfahrungen dazu geführt 
haben, sich in seinem nachbarlichen Verkehr aus das äußerste zu beschränken; von 
der Pflicht aber, dem Nächsten zu helfen und ihn zu fördern, wo und wie ich 
kann, kann mich nichts entbinden. 
Nach einem psychischen Gesetze kommen unter allen Anhäufungen von Men 
schen die schlimmern und ihre Pläne obenauf, und so muß man sich dort auf 
allerlei Verderben gefaßt machen. In der raffiniertesten und schamlosesten Weise 
treiben die Verführer ihr Werk; traurig stehen die Besseren am Wege und sehen 
dem zu, aber es fehlt ihnen an Geschick und Mut, den Verführern zu wehren, 
vor allem an Vertrauen zu der siegreichen Macht der Wahrheit. Wären zehn 
Gerechte in Sodom gewesen, so hätte der Herr der Stadt vergeben um ihret 
willen; in ihrer Gemeinschaft hätten die schlafenden Gewissen erweckt und die 
erweckten Gewissen geläutert und gestärk und damit dem allgemeinen Verderben 
gewehrt werden können. Der Herr sagt von seinen Jüngern: Ihr seid das Salz 
der Erde, das Licht der Welt. Wie er ihnen damit eine ernste Mahnung giebt, 
ihre Salz- und Lichtnatur in treuer Übung sich zu erhalten, so giebt er damit 
auch eine vertrauen- und kraftspendende Verheißung, daß ihre Arbeit unter der 
gottlosen Menge keine vergebliche sein kann. 
Diese Arbeit muß eine persönliche sein. Unsere an sich so guten Wohlfahrts 
gesetze gehen des besten Segens dadurch verlustig, daß das persönliche Moment 
in dem Wohlthun fehlt. 
Der Erziehungssragen nahm sich die Konferenz auch sonst sehr fleißig an. 
Sowohl in der Verhandlung über die kirchlich-soziale Aufgabe der Gymnasien,
	        

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