Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

30 I. Abteilung. Abhandlungen. 
der Begriffe auf sittlichem Gebiet sehr vermehrt wird?) Ein Beispiel sei an 
geführt:') 
So die bluomen uz dem grase dringent 
same sie lachen gegen der spilnden sannen, 
in einem in eien an dem morgen fruo, 
Und die kleinen vogellin wol singent 
in ir besten wise, die sie können, 
waz wünne mac sieb da genozen zuo ? 
Ez ist wol halb ein himelriche. 
suln wir sprechen, waz sich deine geliche, 
sa sage ich, waz mir dicke baz 
in rninen ougen hat getan, 
und taete ouch noch, gesaehe ich daz. 
Mit dem Verfall des Rittertums verfällt auch die Sprache. Walther 
klagt schon: 
0 we hovelichez singen, 
daz dich ungefüege doenen 
sollen ie ze hove verdringen. 
Das Rittertum erstarb, das Bürgertum erblühte. Mit dem gotischen 
Baustil und der eckigen gotischen Buchstabensorm verlor auch die Sprache ihre 
Rundung und Geschmeidigkeit. Von der Periode des Meistergesanges 
klagt I. Grimm: „Die Schriftsteller dieser Zeit vergröbern stufenweise die frühere 
Sprachregel und überlassen sich den Einmischungen landschaftlich gemeiner Mund 
art." Durch die allgemeine religiöse und sittliche Entartung fand eine Menge 
derber und roher Ausdrücke Eingang in die Sprache, die noch zu Luthers Zeit 
allgemein waren. Abstrakte Begriffswörter auf -heit und -ung wurden damals 
in großer Anzahl gebildet, die alte Wörter auf -6 (vgl. Zohoene und Schön 
heit) verdrängten, und durch große Oberflächlichkeit der Bildung gelangte die 
leere Phrase zu großer Blüte. Z. B. „Hast dich nit durch schrecken meiner 
widerwertigen von vorfächtung der vnschuldt abzyehen lassen, sonder auß liebe 
der warheit vnd erbarmnuß meiner Vergewaltigung für vnd für über mir 
gehalten" (Hutten)?) 
Die Renaissance war für unsere Muttersprache nicht ohne jegliche 
Förderung, indessen hat sie doch vorwiegend schädlichen Einfluß ausgeübt. Die 
Gelehrten, die die Sprache des Volkes verachteten, gebrauchten sie nur mit zahl 
reichen lateinischen Citaten, den „Redeblüten" vermischt. Seit Wimpfeling, 
dem Schöpfer des „verblümten Deutsch" redete man von einer Achillesferse, 
einem Zankapfel, dem Danaergeschenk, einem Pyrrhussieg, einer 
Sisyphusarbeit, von Tantalusqualen, einem Danaidenfaß, einem 
fl Vilmar, Geschichte der deutschen Nationallitteratur. S. 25. 
fl Güntter, Walther von der Vogelweide. Leipzig. S. 55. 
fl Sahr, Hans Sachs und Johann Fischart. Leipzig. S. 156.
	        

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