Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens :c. 
fahrung allein giebt Heilsgewißheit, wo sie fehlt, da /st Halbheit. Die Haupt 
frage für uns ist darum die: Haben wir persönliches Christentum oder nicht? 
Und das muß sich in unserem Wandel beweisen, damit wir nicht durch unser 
Leben niederreißen, was wir durch unser Lehren aufbauen wollen. 
Hinsichtlich der Lehrmethode müssen wir zunächst die Natur des Zög 
lings ins Auge fassen. Wir haben ein natürliches und ein geistliches Leben 
zu unterscheiden. Das erstere ist an die Natur geknüpft, das andere ist abhängig 
von dem lebendigen Glauben an Jesum Christum. Unseren Religionsunterricht 
dürfen wir darum nicht bloß auf das natürliche Seelenleben stützen; er ist ver 
fehlt, wenn er sich damit begnügt, denselben als ein Wissensfach anzusehen. 
Weiler kommt für uns die Natur des Gegenstandes in Betracht. Jesus 
Christus ist der Mittelpunkt, aber nicht bloß als Mensch, sondern als der ge 
kreuzigte und auferstandene Gottessohn. So sollte schon die Unterstufe ein ein 
faches Lebensbild, die Oberstufe ein eingehenderes Lehr- und Lebensbild des 
Heilandes den Kindern vor die Seele malen, während die Mittelstufe die alt- 
testamentliche Vorbereitungszeit des Kommens Jesu zu betrachten hätte. 
Als Endzweck unserer Arbeit setzen wir die christliche Charakter 
bildung; wir wollen nicht eine populäre Ethik oder Dogmatik geben, um 
bloß sittliche Charaktere zu bilden, sondern Seelen gewinnen für Jesum Christum. 
Was nun die praktische Seite des Religionsunterrichts angeht, so kommt 
da besonders der Stoff in Betracht, der im Unterricht zur Behandlung kommt. 
Wir wollen uns damit nicht in erster Linie an den Verstand und das Gemüt 
wenden, sondern vor allem das Gewissen schärfen und den Willen an 
spornen. Thun wir das nicht, so sind wir unpraktische Leute und verfehlen 
den Zweck. Wie der kleine David sich die Waffen wählt, die ihm passen, so 
sollen wir auch für unseren Religionsunterricht vor allem die Waffen des lauteren 
Wortes Gottes wählen. Darum ist eine treue Vorbereitung nötig, die Kinder 
müssen den Eindruck in der Religionsstunde bekommen: Hier steht unser Lehrer 
auf der Höhe, da ist kein Raum für rohe Gewalt. Mit sentimentalen Redens 
arten ist es nicht gethan, die Kinder sollen merken, daß das Christentum etwas 
ganz Selbstverständliches ist, darum ist ein schlichter, natürlicher Ton am besten 
angebracht. Die Lehrperson ist wichtiger als die Lehrmethode, obgleich wir auch 
darin uns an das gute Beispiel der Meister unseres Faches hallen wollen, also 
erst die Anschauung, dann das Denken und schließlich die Anwendung. 
Die Grundlage des Lehrstoffes bildet die Heilsgeschichte. Ihre 
Anordnung nach konzentrischen Kreisen ist vom Übel. Der Stoff ist anschaulich 
vorzuführen, bei der Einprägung kann Dörpfelds Enchiridion gute Dienste leisten. 
Nach diesem mehr theoretischen Teile muß nun der praktische kommen, das Ge 
wissen soll geschärft und der Wille angespornt werden. Dafür können die fünf 
Ideen Herbarts immerhin verwandt werden; aber wir sollen dessen eingedenk 
sein, daß nicht in den ethischen Anregungen die Hauptsache des Religionsunter 
richts beschlossen liegt. Buße, Glauben und Heiligung sind nicht zu lehren, 
sondern zu zeigen an den lebendigen Beispielen der Geschichte Alten und Neuen 
Testamentes. In der Anwendung folgt die Verwertung für das Leben des 
Kindes in seinem kleinen Lebenskreise mit Berücksichtigung passender Sprüche, 
Liederstrophen, Sprichwörter u. a. 
Der Katechismus ist gedacht als das Bekenntnis der Gemeinde, es soll 
die zusammengehörigen Glieder verbinden, von den andern scheiden. Es wird
	        

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