Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Mädchenhochschulen in Amerika. 
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Sanskrit und vergl. Philologie, Griechisch, Latein, engl. Litteratur, Angel 
sächsisch, Deutsch, grammatische Philologie, Französisch, romanische Philologie, 
Italienisch, Spanisch, semitische Sprachen, Geschichte, Volkswirtschaftslehre und 
Staatskunde, Philosophie, Kunstgeschichte, Mathematik, Physik, Chemie u. a. 
vr. Ziegler bemerkt humorvoll dazu: „Hellas ist noch nicht verloren. Während 
die östlichen Barbaren sich anschicken, die Griechen von ihrem gastlichen Strande 
zu verjagen, wandeln die angelsächsischen Jungfrauen an den Ufern des Hudson 
in griechischen Gewändern und reden die Sprache des Sophokles." 
Hier liegt entschieden ein großer Mißgriff der amerikanischen Hochschulbildung, 
man hat vor der gelehrten klassischen Litteratur der alten Welt doch einen geheimen 
Respekt und bleibt darum in der Scholastik des Mittelalters gefangen, und darin 
wird nicht leicht ein Wandel eintreten, weil viele Frauen den Gelehrtensitz inne 
haben und nicht gerne von dem Piedestal ihrer altklassischen Gelehrsamkeit herab 
steigen werden. Auch in der neueren Litteratur vergreift man sich vielfach, indem 
man zu schwere Speise an den Anfang setzt, so in Blyn Mawr den 1. Teil 
des Faust, und selbst der II. Teil fehlt in keinem College; unter den neuesten 
Dichtern fehlen selbst Hauptmann und Sudermann nicht. 
In den letzten Jahren ist man mehr zu der Einsicht gekommen, daß für 
die Vorlesungen in den Mädchenhochschulen die Männer nicht zu entbehren sind, 
besonders in Philosophie und Geschichte, die man so recht als „männliche" Fächer 
bezeichnen kann, da sie dieselben nicht bloß lehren, sondern auch wirklich machen 
können. Das wird auch nicht anders werden trotz aller Hoffnungen der Heroinen 
transatlantischer Frauenbewegung, die auch von einer Frau das ersehnte große 
amerikanische Drama erwarten. 
Merkwürdigerweise fehlt in den Hochschulen die Geographie, nur in Wellesley 
wird sie als Anhängsel der Geologie und Mineralogie gelesen, während die Geschichte 
überall das volle Bürgerrecht erlangt hat. 
Echt weiblich ist nun auch die Nachahmung der Gebräuche der männlichen 
Gelehrten seitens der Dozentinnen; so sieht man würdige Matronen im schwarzen 
Advokatenmantel und steifeckigem Barrel auf dem Kopfe, Smith College hat sich 
allerdings von dieser lächerlichen Nachahmungssucht frei gehalten. 
Die Forderungen Dr. Zieglers für unsere deutsche Frauenbildung sind auf 
Grund seiner in Amerika gemachten Beobachtungen im wesentlichen folgende: Am 
besten würde auf die gegenwärtige Mädchenschule eine einen 2—4 jährigen Kursus 
umfassende Anstalt aufgebaut. Für sie könnte man vor allem von den ameri 
kanischen Colleges lernen, daß sie eine gesunde Lage, gut ausgestattete Räume 
und vollbeschäftigte Lehrkräfte erhielte. Der Charakter der Anstalt sollte ein 
privater sein, der Eintritt könnte mit dem 16. Lebensjahre erfolgen und eine 
wissenschaftliche und praktische Abteilung umfassen. Im unteren Kursus sollten 
deutsche Sprache und Litteratur, Englisch oder Französisch, Geschichte, Geographie 
und Naturwissenschaften getrieben werden; vom 3. Jahre ab müßte dann ein 
beliebiger Gegenstand 2—3 stündig gehört und daneben ein philosophisches Fach 
(Philosophie, Ästhetik, Kunstgeschichte) gepflegt werden. Je nach Wunsch erfolgt 
die praktische Ausbildung in Stenographie, Buchführung. Korrespondenz, Garten 
bau, Gemüse-, Blumen- und Obstbaumzucht, Feinbäckerei, Kochen, Kleider- und 
Putzmachen. Die Erlernung eines Berufes wird ein Schutz gegen das „Verliegen" 
und vor allem ein Mittel sein, das Verständnis für die Bedeutung wertschaffender 
Arbeit sein. Die Vermischung allgemeiner und fachwissenschaftlicher Bildung,
	        

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