Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Rundschau. 
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arbeitung eines neuen Normallehrplanes für die Berliner Volksschulen, zu der 
auch Stadtverordnete, also der Schule fernstehende Personen, zugezogen wurden, 
hat unter anderen tief einschneidenden Beschlüssen auch den gefaßt, auf den Lehr 
plan der zwei oberen Klassen Algebra zu setzen. Anfangs hielten die Lehrer 
das Ganze für Scherz, bis der städtische Schulrat die Sache bestätigte. — Wir 
fragen jedermann des praktischen Lebens, was soll die Volksschule mit Buchstaben 
rechnung? Die Schule und erst recht die Volksschule soll für das Leben vor 
bereiten. Wo und wann brauchen Handwerker, die sich zum größten Teil doch 
aus der Volksschule rekrutieren, das abstrakte Rechnen mit allgemeinen Werten? 
Bisher war es ein berechtigter Stolz der Volksschule, ihren Schülern eine ab 
geschlossene, für das Leben brauchbare Bildung zu geben; namentlich verstand es 
die Schule, ihren Zöglingen in den bürgerlichen Rechnungsarten einen Schatz 
mitzugeben, der sie tüchtig machte, im Leben sich fortzuhelfen. Der neue Lehr- 
gegenstanb soll in Zukunft auf Kosten der Zahl der Lehrstunden im Rechnen 
erteilt werden. Die Folge wird sein, daß die Volksschule ihre Schüler nicht 
mehr im Rechnen gründlich ausbildet und sie auch nur an der Algebra (eine 
Stunde wöchentlich) naschen läßt. — Man komme uns nicht mit dem Einwände, 
daß mancher Algebra im Leben braucht. Die Zahl solcher ist verschwindend. 
Mit gleichem Rechte könnte man für die Volksschule, weil aus ihr die Schrift 
setzer hervorgehen, Griechisch und Lateinisch reklamieren. Was dem einen oder 
anderen die Schule nicht bieten kann, kann er sich in den Fach- und Fortbildungs 
schulen aneignen. Der Beschluß ist, wie wir erfahren, nicht ohne heftigen Wider 
spruch gefaßt worden. Die städtischen Schulinspektoren, die Die Schulen und 
ihre Forderungen besser kennen als die Männer abstrakter grauer Theorie, sind 
bis heute zum größten Teile Gegner der geplanten Neuerung. Das praktische 
Leben und seine Forderungen haben nicht an dem grünen Tische gesessen, wo 
man derartiges geplant. Man wollte eben etwas Neues schaffen; vielleicht auch 
dem Drängen gewisser Leute nachgeben, die da seit Jahrzehnten rufen: weniger 
Religion, mehr Bildung! Den alten Satz: von multa — multum hat man 
aufgegeben. Die Schule wird zur Probiermamsell. Den Schaden wird die 
Schule und das Leben davon haben. — Doch hofft die Lehrerschaft, daß der 
Minister den unglückseligen Beschluß aufheben und der Volksschule das Gebiet 
belassen wird, auf dem sie groß geworden ist: das praktische Leben — keine 
theoretischen Klügeleien. — Im Interesse der Volksschule machen wir Front gegen 
die geplante Neuerung. 
Warum sind wir rcchihändig? Auf diese Frage giebt, wie wir dem 
„Türmer" entnehmen, Prof. Seeligmüller in Halle in einem „Rechts und 
links" betitelten Aufsatze der „Deutschen Revue" (Aprilheft 1902) folgende 
Antwort: Es ist eine durch viele Forschungen erwiesene Thatsache, daß die rechte 
Hälfte unsers Körpers ihre Nerven aus der linken Hälfte des Großhirns und 
umgekehrt bezieht. Die linke Gehirnhälfte wird aber reichlicher mit Blut versorgt 
als die rechte. Denn das arterielle Blut, welches das Gehirn funktionstüchtig 
macht, wird diesem vornehmlich durch zwei Schlagadern, die Karotiden, zugeführt, 
die man zu beiden Seiten des Halses klopfen fühlt. Die linke Schlagader nun 
treibt das Blut direkt und in fast gerader Linie vom Herzen zur linken Hirn 
hälfte, während die rechte ihren Blutvorrat erst noch mit der Schlagader für die 
rechte Oberextremität teilen muß. Deshalb steht die linke Gehirnhälfte unter
	        

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