Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 31 
gordischen Knoten, attischem Salz, Grazien u. s. w. Man liebte 
Redewendungen wie den Rubikon überschreiten, einen Augiasstall 
reinigen, eine Schlange am Busen nähren, ein 1 für ein U (X 
für V — 10 für 5) machen, Eulen nach Athen tragen, das 
Schwert in die Wagschale werfen, nach der Palme des Sieges 
ringen, den Lorbeer verleihen u. s. w. Damit bekundete man seine 
„klassische" Bildung. Von dem schädlichsten Einfluß war der langstielige, wenn 
auch künstliche Satzbau der lateinischen Sprache, der im Juristen- und Bureau- 
kratendeutsch noch heute die wunderlichsten Blüten treibt. 
Luther, dieser kerndeutsche Mann trotz seiner klassischen und kirchlichen 
Bildung, war, wie er selbst gesteht, redlich bemüht, den Leuten „aufs Maul zu 
sehen". Seine Sprache ist einfach, kindlich unbefangen, dabei doch kräftig und 
markig, urdeutsch und jedem verständlich. Man hat Luther den Schöpfer der 
neuhochdeutschen Sprache genannt. Aber so unendlich weitgehend auch die 
Sprache der Lutherbibel, seiner Kirchenlieder, des Katechismus u. s. w. war, den 
von den Humanisten angerichteten Schaden konnte sie nicht beseitigen, zumal noch 
das römische Recht in Deutschland festen Fuß gefaßt hatte. 
Auf die Zeit der Renaissance kam die Zeit des Barockstils. Prunk 
und Üppigkeit in Sitte und Lebensweise, unbegrenzte Fürstenmacht und wider 
liche Schmeichelei und Ersterben in Höflichkeit prägen sich dem Stil auf. Die 
gräßlichen Geschmacklosigkeiten der zweiten schlesischen Dichterschule, 
„das bis zu förmlicher Weißbinderei gemachte Buntmalen durch grelle Epi 
theta"/) gehören hierher. Der Mond ist der Sonne Kammermagd, der Ochs 
der Kühe lieber Mann, die Zunge des Mundes Zimbel. Daneben war eine 
große Vorliebe für das Französische, das Spanische und Italienische getreten. 
Das „altfränkische" Deutsch wich einem Gemengsel aus allen möglichen Sprachen. 
Eine Probe: 
Reverierte Dame, Phönix meiner Ame (ume), 
Gebt mir Audienz. 
Eurer Gunst Meriten machen zu Falliten 
Meine Patienz. 
Ach, ich admiriere und consideriere 
Eure Violenz. 
An Stelle des einfachen Du trat das romanische Ihr, das bald infolge 
Nachahmung des frz. Non8i6ur durch das steife Er verdrängt wurde, das man 
wiederum in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in den Plural (Sie) setzte. 
In der Rokoko zeit war die Form zwar zierlicher, aber unnatürlich und 
gemacht. Galant und artig, zärtlich und scherzhaft, ergötzte man sich 
durch Tändeleien, bis endlich mit Lessing die deutsche Sprache alles Welsche 
*) Vilmar a. a. O., S. 356.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.