Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
abschüttelte. Klopstock, Herder, Goethe, Schiller überwinden sowohl 
die Zeit der sentimentalen Richtung als die der Sturm- und Drangperiode. Sie 
hauchten den Worten Anmut und Wohllaut ein, gaben den Sätzen Gleichmaß, 
den Gefügen Rundung. Einfachheit und Natürlichkeit, Gemütstiefe und Innigkeit 
des deutschen Volkes konnten wieder zum Ausdruck kommen, beider gewann in 
neuerer Zeit der Kanzleistil mit seinen langstieligen Fürwörtern und 
Wendungen wie derjenige, derselbe, in Gemäßheit u. s. w., und der Zeitungs 
stil mit seinen oft ungeheuerlichen Wortbildungen wieder Boden. Die Wissen 
schaft gebiert oft Satzungeheuer, die den Juristenstil an Unverständlichkeit über 
treffen. Der papierne Stil gefällt sich sodann in den breitspurigsten Wen 
dungen und Sätzen (z. B. das Vorkommen von Erkrankungen an der Cholera 
unter den Schiffern auf der Elbe bei Hamburg), die sich unendlich weit von der 
gesprochenen Sprache entfernen, so daß es für jeden ersichtlich ist, daß wir uns 
in einer Zeit des sprachlichen Niedergangs befinden. Wohl, sagt 
Weise/) ragen einzelne Gestalten aus der Masse der Tagesschriftsteller hervor, 
die bestrebt sind, echt deutscher Art in Gesinnung und Sprache wieder zum 
Siege zu verhelfen; wohl hat auch der Krieg von 1870/71 mit dem höheren 
Fluge des Volksbewußtseins den Wunsch nach einer Besserung im sprachlichen 
Ausdruck rege gemacht; aber eine solche ist mit Sicherheit nur dann zu erhoffen, 
wenn das ganze Volk Einkehr in sich selbst hält und sich von Grund aus um 
wandelt, menn Genußsucht und Hochmut weichen und alte Einfachheit und Treue, 
Wahrheit und Sittenreinheit (und Frömmigkeit) wieder in deutschen Gauen 
breite Wurzeln fassen. Echte Kultur muß eben, wie ich am Anfang sagte, 
psychischer Natur sein. Dann beeinflußt sie auch die Sprache, in der sich alle 
Kultur wiederspiegelt, in der besten und schönsten Weise. 
Das Volkslied in der Schule, 
Beantwortung der von der Königl. Regierung zu Köln gestellten Frage: 
Wie kann die Schule dazu beitragen, daß das Volkslied mit seinem hohen 
Werte für die Veredelung aller Lebensäußerungen, für Anstand und Sitte in 
größerer Verallgemeinerung Eigentum des Volkes wird? 
Von Rektor Robert Kessel, Mülheim a. Rhein. 
Wenn man schlechtweg vom Volksliede redet, so denkt man dabei unwill 
kürlich in erster Linie an das eigentliche, wirkliche Volkslied, wie es im 15. und 
16. Jahrhundert das innerste Leben und Wesen der deutschen Volksseele zum 
*) Weise a. a. O., S. 131.
	        

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