Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
eigenen Nutzen zu leben, sondern einen größeren Kreis um sich zu versammeln 
und diesem in Liebe zu dienen. So ist er schon frühe neben seinem Studium 
zum Unterrichten gekommen; so hat er neben der seelsorgerischen Thätigkeit stets 
auch diejenige des Lehrers und Erziehers in einem kleineren Kreise von Pensio 
nären geübt. 
„Ich bin froh," schreibt er einmal, „daß ich mich nicht in der Einsamkeit 
aufhalten muß, sondern in meinem Hause viele Leute um mich haben darf, daß 
ich mich in der Liebe üben und Freude an Menschen haben kann; wobei ich 
erfahre, wenn ich nur wider einen einzigen Menschen in meinem Hause Wider 
willen habe, so komme ich in ein Mißvergnügen. Wenn ich aber alle lieben 
kann, so bin ich vergnügt." 
Auf den eigenen Vorteil ist er niemals bedacht gewesen. Wenn man ihn 
voll Verwunderung öfter gefragt hat, wie er so schwere Arbeit um so geringe 
Bezahlung verrichten könne, hat er stets beruhigend gesagt, er habe den Haupt 
posten nicht hinzuzuzählen vergesien: den Segen Gottes. 
Auf diese Weise wurde Flattich, ein Meister in der Unterweisung der Alten, 
zugleich in hervorragender Weise für die Erziehung der Jugend befähigt. Seine 
Erfahrungen und Grundsätze hat er in aphoristischer Form ausgezeichnet. Was 
er hier in social-ethischer Beziehung vom Verhältnis des Lehrmeisters zum Zög 
linge sagt, paßt auf alle Meister und deren Lehrlinge. 
Über die Stellung, welche er in der Geschichte der Pädagogik einnimmt, 
bemerken wir in Kürze noch folgendes: 
Ist er auch kein Pädagoge im großen Stil gewesen, durch welchen der 
Beginn einer neuen Epoche in der Erziehungsgeschichte zu bezeichnen ist, hat er 
auch nicht eine Schule von Jüngern und Nachahmern begründet, auch nicht eine 
hervorragende schriftstellerische Thätigkeit entfaltet, so ist er doch vom Scheitel bis 
zur Sohle ein „denkender Pädagoge," infolge seiner sorgfältigen Beobachtung der 
Individualität der Zöglinge und seiner feinsinnigen Beobachtungen der Äußerungen 
des Seelenlebens der ersten einer gewesen, welche die Bedeutung der Psychologie 
für die Pädagogik klar erkannt haben. Gelegenheit zu derartigen Beobachtungen 
gab ihm seine Pensionsanstalt; in dieser befanden sich meist 12—16 Zöglinge 
aus allen Ständen und von ganz ungleichem Alter, welche von Flattich erzogen 
und unterrichtet wurden, und zwar zumeist mit ausgezeichnetem Erfolge. Über 
diese schreibt er einmal dem berühmten Prälaten Oetinger also: 
„Die Kostgänger, die ich angenommen, sind von allerlei Alter, Ständen 
und Vermögensverhältnissen, auch zu allerlei Ständen gewidmet gewesen, nämlich 
zu Geistlichen, Juristen, Ärzten, Soldaten, Schreibern, Kaufleuten, rc. Im Alter 
waren sie öfter so ungleich, daß ich sie vom 10. Jahre durch alle Jahre bis in 
das 20. beisammen hatte." 
Ohne Zweifel war Flattich in Bezug auf seine erziehliche Thätigkeit infolge 
seines beständigen Verkehrs mit seinen Zöglingen und der daraus resultierenden 
Möglichkeit einer eingehenderen Beobachtung der Individualität weit günstiger
	        

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