Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Vom täglichen Brot für die Jugenderziehung. 
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gestellt als ein Lehrer an einer öffentlichen Schule, welchem eine Reihe unkontrol 
lierbarer Erziehungsfaktoren erschwerend in den Weg tritt. Sehr interessant und 
instruktiv sind seine Bemerkungen über die Bedeutung der empirischen Psychologie 
für die Pädagogik. Es genügt ihm nicht, daß ein Erzieher weiß, was junge 
Leute lernen sollen und in welcher Ordnung eines auf das andere folgt, sondern 
er verlangt, daß man sich mittelst der subjektiven Methode auf eine eingehende 
Berücksichtigung der Jndividualirät der Zöglinge legt. Das Wesen dieser sub 
jektiven Methode besteht aber darin, daß man sich im Unterricht der Fassungs 
kraft der Schüler gehörig anpaßt und nicht über die Köpfe weglehrt. Es giebt 
aber eine zwiefache Fassungskraft, eine solche, die durch die Kultur (Ausbildung) 
kommt, und eine Fassungskraft, die mit den Jahren kommt. Denn es ist nicht 
alle Fassungskraft zugleich da, wie man z. B. auch die Zähne nicht gleich mit 
auf die Welt bringt, sondern man bekommt sie erst eine Zeitlang hernach, und 
zwar nicht alle zugleich, sondern successive. Die besonderen Seelenkräfte wollen 
ihre gewisse Zeit haben. Daher ist es für den Unterricht sehr dienlich, wenn 
man die empirische Psychologie gelernt, damit man nicht nur die verschiedenen 
Seelenkräfte verstehen lernt, sondern auch dadurch findet, wie man solche bei 
jungen Leuten ausbilden müsse. Es dient aber auch das Unterrichten dazu, daß 
man in der Psychologie nicht nur sicherer werde, sondern auch weiter kommen 
kann. Wenn man bei vielerlei Menschen von verschiedenem Alter darauf achtet, 
was für Veränderungen in ihrer Seele vorgehen, was sie dazu veranlaßt, was 
daraus entsteht; warum der eine etwas leicht faßt, der andere aber schwer; warum 
der eine etwas lang und leicht behält, der andere aber nicht; warum bei dem 
einen dieses, bei dem anderen etwas anderes anschlägt; auf welche Art die Seelen 
kräfte zunehmen, wie sie gehindert oder gar verschlimmert werden; wie eine 
Seelenkraft der anderen hinderlich oder förderlich wird kann man eine gute 
Erkenntnis der Seele bekommen. Demnach hat Flattich nicht nur erkannt, 
welchen Wert die empirische Psychologie für die Pädagogik hat, sondern auch 
darauf hingewiesen, daß sorgfältige Beobachtungen auf pädagogischem Gebiete 
eine wesentliche Quelle für die Förderung der psychologischen Erkenntnis bilden. 
Sehr richtig hat daher Weitbrecht (im Stuttgarter Gymnasialprogramm vom 
Jahre 1872) gesagt, die so häufig als ein Hauptverdienst der Gegenwart 
gerühmte Entdeckung, daß die Pädagogik auf der Psychologie zu basieren habe, 
sei schon dem Pädagogen Flattich etwas ganz Geläufiges. Dieser kann auch ein 
beredter Zeuge dafür sein, daß „gar viel neu Scheinendes schon alt ist, und 
daß es schon längst kluge Männer und gute Lehrer gab." 
Bei seinem Unterrichte hielt er sich nicht an irgend eine bestimmte Methode. 
Er ist geradezu ein Feind aller Methodenjägerei. Eine Universalmethode giebt 
es nicht, betont er, und beklagt es. daß man so gerne allgemeine Methoden 
mache und den, welcher nach einer solchen nicht anschlage, gleich wegwerfe. Es
	        

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