Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Das Volkslied in der Schule. 
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Ausdruck brachte. Es gab eine Zeit, in der diese echten Volkslieder allgemeines 
Eigentum des deutschen Volkes waren und von ungezählten Tausenden auf 
Straßen und Gassen, in der Herberge und auf der Reise gesungen wurden. 
Jene Zeiten sind vorüber, und ihre Lieder würden größtenteils verschollen und 
vergessen sein, wenn nicht fleißige Sammlerhände einen reichen Schatz dieser 
Perlen des deutschen Volksgemütes zusammengetragen und der Nachwelt über 
liefert hätten. 
Wenn man jedoch vom Volksliede in der Schule redet, so unterliegt es 
keinem Zweifel, daß in diesen Begriff nicht nur die echten, wirklichen Volkslieder 
gefaßt werden, sondern auch alle volkstümlichen Lieder, die ihre Entstehung 
der bewußt schaffenden Kraft und Kunst Einzelner verdanken und daher nicht 
mehr Erzeugnisse der Volksgemeinschaft sind, die aber den Grundzug des Wesens, 
der dem alten Volksliede eigen war, an sich tragen und in unserer Zeit als die 
ausgesprochenen Lieblinge des Volkes an die Seite der alten Volkslieder ge 
treten sind. 
Kein anderes Volk kann sich einer gleich großen Zahl der Volkslieder und 
volkslümlichen Lieder rühmen, als das deutsche Volk, das in seinen treuherzigen, 
schlichten, volksmäßigen Liedern einen überaus kostbaren Schatz von großer 
Wichtigkeit und hoher Bedeutung hat. Und worin beruht dieser Wert, diese 
Bedeutung? 
Ich hatt' einen Kameraden, 
einen bessern find'st du nit! 
Einem solchen treuen Kameraden ist das Volkslied zu vergleichen, welches 
uns im ganzen Leben auf Schritt und Tritt zur Seite geht. Das Volkslied ist 
der Freund der Kinder, ihr liebster Geselle bei Spiel und Tanz. Es begleitet 
das heranwachsende Geschlecht aus der Schule ins Leben, aus der Jugendzeit 
bis ins Greisenalter und hält bei ihm aus in Freud und Leid bis zum Grabe. 
Das Volkslied ist unser Gefährte im Kreislauf des Jahres und findet immer 
neue Töne und Weisen zu reiner Freude und sinniger Naturbetrachtung. Zu 
allen Lebensäußerungen und Lebenslagen tritt es in Beziehung, zu Arbeit und 
Erholung, zu Ernst und Scherz und frommer Andacht. Es zieht mit dem 
Jäger in den grasgrünen Wald, mit dem Schnitter ins Feld und mit dem 
Krieger hinaus in Kampf und Tod. Es tritt in den Kreis der sangesfrohen 
Welt, die abends nach des Tages Last und Mühe im Schatten der Linde Rast 
hält, und es wiegt mit süßen Klängen das Kind im Mutterarm in sanften 
Schlummer. 
In allen Lebenslagen aber bringt es das, was das Gemüt des Einzelnen 
und des ganzen Volkes bewegt und an Stimmungen, Empfindungen und Be 
trachtungen erlebt und durchlebt, zum naturwahren Ausdrucke. Eben darum 
wirkt es auch mit intensiver Macht auf das Gemüt ein, und zwar in gleicher 
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