Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
giebt verschiedene Methoden. Es läßt sich eine Speise auf verschiedene Art 
kochen, und ein geschickter Koch kann oft eine schlechte Speise so zurichten, daß sie 
ganz gut wird. Man muß daher auf allerlei Methoden merken und nicht meinen, 
daß alles nur nach einerlei Schlag (Schablone) geschehen müsse. Wiewohl er 
nach Kräften darauf bedacht war, seine Zöglinge an logisches Denken zu gewöhnen, 
warnt er doch vor jeder einseitigen Verstandesbildung. Diese reicht für die Be 
stimmung der Willensrichtung keineswegs aus. Die Wirkung des Verstandes 
geht durch das Gemüt auf den Willen. Daher muß auch auf die Gemüts 
bildung ein großes Gewicht gelegt werden. Darüber schreibt er einstmals an den 
Prälaten Oetinger also: 
„Ich ging lange Jahre mit dem Grundsätze irre, daß sich der Wille bloß 
nach dem Verstände richte, bis mich eine vielfältige Erfahrung anders belehrte 
und mich die Heilige Schrift überzeugte von dem großen Unterschiede des Herzens 
und Verstandes" 
worauf ihm der tiefgegründete Oetinger also erwiedert: 
„Wie kommt's, daß Sie 10 Jahre zugebracht, ehe Sie eingesehen, daß der 
Wille den Verstand, nicht der Verstand den Willen neige? Wenn Sie noch einmal 
10 Jahre unterrichten, werden Sie mehr solcher Vorurteile, aber in kürzerer 
Zeit ablegen. Viele tausend geometrische Genien werden verhärtet in ihrer Ge 
wißheit, aber Sie, mein Freund, sind es, den ich kenne, der die Unzulänglichkeit 
der Philosophie, welche aus den Konsequenzen allein klug werden will, einsieht, 
und nach des größten Weisen Jesu Christi Methode zu denken sich beeifert." 
Am menschlichen Leibe wachsen alle Glieder miteinander in gehörigem Ver 
hältnis. Auf gleiche Weise sollen alle Seelenkräfte so ausgebildet werden, daß 
keine vernachlässigt wird. Harmonische Ausbildung der Individualität ist also 
das Ziel. 
Die Selbständigkeit und Originalität des pädagogischen Denkens und Han 
delns gestattet nicht, Flattich in eine der damals herrschenden pädagogischen 
Schulen einzureihen. Eine Anzahl Berührungspunkte mit den Philanthropen 
sind freilich vorhanden, z. B. das Bestreben der Erweckung deutlicher Vor 
stellungen, das Verlangen harmonischer Ausbildung der Individualität, die Ver 
meidung unnötigen Zwanges, die sorgfältige Beachtung der Gesundheitspflege, 
das Dringen auf Pflege der Muttersprache, die Vermeidung unnötigen Theoreti- 
sierens. Auf der anderen Seite finden sich auch durchgreifende Unterschiede. Das 
maßvolle, bescheidene Wesen Flattichs bewahrte ihn vor den Übertreibungen der 
Philanthrophen. Statt eines vagen Deismus, zu welchem diese neigten, finden 
wir bei ihm unbedingtes Festhalten an der biblischen Lehre. Die Philanthropen 
ließen sich im Unterrichtsbetrieb vielfach von äußeren Zweckmäßigkeitsgründen leiten, 
während Flattichs Bestreben hauptsächlich darauf gerichtet war, denselben der 
Natur des menschlichen Geistes angemessen einzurichten; den geistbildenden Wert, 
den ein verständiger grammatischer Betrieb und das Studium der Litteratur der 
alten Sprachen gewähren, verkannten sie, während Flattich die Humaniora gerade
	        

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