Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Vom täglichen Brot für die Jugenderziehung. 331 
mit Rücksicht auf den letzten Gesichtspunkt betrieb. Flattich war zu sehr Humanist, 
um Philanthrop sein zu können. Auch zu einem Träger des Pietismus kann 
man ihn nicht wohl machen. In manchen Punkten stimmt er mit den Pietisten 
überein: in der hohen idealen Auffassung des Lehrerberufs, welche an die Person, 
des Lehrers große Anforderungen stellt und namentlich das vorleuchtende Beispiel 
betont; in dem Festhalten an der biblischen Lehre; in der Handhabung der 
Disciplin im Geiste evangelischer Liebe. Aber auch bedeutende Divergenzen sind 
zu verzeichnen: Das „sorgliche, ängstliche Wesen" der Pietisten war Flattichs 
Sache nicht. Als ein Mann des klarsten Verstandes bewahrte er sich mit seinem 
hellen Auge stets einen „offenen Blick" in die Welt, wie er sich freilich auch 
dieser gegenüber nicht wollte wägen noch wiegen lassen von allerlei Wind d?r 
Lehre durch Schalkheit und Täuscherei der Menschen. Er war weit entfernt von 
jener asketischen Richtung in der Jugenderziehung, wie wir sie bei den späteren 
Pietisten (nach Franckes Tode) finden können, von jener engherzigen Förmlichkeit, 
welche die jugendliche Fröhlichkeit einzuengen suchte und sogar das Ballspiel verbot. 
Bei Flattich findet sich nichts von unklarer Gefühlsschwärmerei; „da ist alles 
nüchtern, kerngesund, ruhig und verständig." Wir können sagen, Flattich war 
eine viel zu sehr auf die Interessen und Bedürfnisse des praktischen Lebens, wie es 
in der menschlichen Gemeinschaft sich abwickelt, gerichtete, durch und durch praktisch 
angelegte Natur, um Pietist sein zu können. Dieser Zug geht durch seine ganze 
seelsorgerische wie erzieherische Thätigkeit. Und gerade dieser Zug in Verbindung 
mit der ihm eigenen Weise der Verwertung des Schriftprincipes hat ihn auf 
dem Gebiete der Pädagogik einen Schritt vorwärts gebracht. Im Gegensatze 
zu der bisher üblichen vorwiegend individualistischen Auffassung der pädagogischen 
Thätigkeit finden wir bei ihm tüchtige Ansätze zu einer social-ethischen 
Behandlung der Aufgabe der Bildungsarbeit, und hauptsächlich diese 
Richtung ist es, welche ihn für unsere Zeit, in welcher die sociale Frage eine 
so große Rolle spielt, besonders anziehend und beachtenswert macht. 
Vor mehr als hundert Jahren ist der durch eine scharfsinnige Beobachtungs 
gabe und tiefe Menschenkenntnis ausgezeichnete Pädagoge und Volkslehrer I. F. 
Flattich gestorben; seine Begräbnisstätte kennt, man nicht mehr. Aber sein Geist 
lebt noch heute, lebt in seiner engeren Gemeinde, wie Gemeindemitglieder be 
zeugen, lebt in seinem engeren Vaterlande. Möchte es doch dahin kommen, daß 
auch in anderen Gauen unseres lieben deutschen Vaterlandes recht viele Seelen 
seines Geistes einen Hauch verspüren, zum Segen für sie selbst wie unserer lieben 
deutschen Jugend. Denn dringend beherzigenswert bleibt die Mahnung, welche 
jüngst ein erfahrener und einsichtsvoller deutscher Mann, der Professor Dr. Bey 
schlag in Halle, ausgesprochen hat. (Aus meinem Leben, Halle 1896): „Mit 
unseren mehr äußerlichen Fortschritten ist in unserem Jahrhundert Hand in Hand 
gegangen ein Rückschritt des inneren geistig-sittlichen Lebens oder wenigstens
	        

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