Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

332 
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
die Gefahr, sich dem Besten zu entfremden, was je deutsche Herzen bewegt 
hat, eine Gefahr, die, wenn sie nicht beschworen wird, unser Volk trotz aller 
erreichten Machthöhe und Lebensrührigkeit unaufhaltsam einem Verfalle zutreiben 
würde." (Forts, folgt.) 
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens, 
Biographien, Korrespondenzen, Lehrproben, Erfahrungen 
aus dem Schul- und Lehrerleben. 
Das Universitätsstudium der Volksschullehrer. 
Bis vor kurzem war man gewohnt, bei den Erörterungen über die Lehrer 
bildungsfrage den Ruf zu hören: Hinweg mit den Präparandenanstalten und 
Seminaren! Unsere Losung sei: Höhere Schulbildung, Abiturientenzeugnis, 
Universität. Über diese Forderungen kam der Erlaß über die Lehrerbildung wie 
ein Reif in der Frühlingsnacht. Nun sind die Grundlinien für die Lehrer 
bildung — nicht allein, wie sie sich jetzt gestalten soll, sondern auch, wie sie sich 
weiter zu entwickeln hat — festgelegt. Die Zukunft kann eine Umgestaltung, 
einen Ausbau besonders der Präparandenanstalt bringen; aber das Bestehen der 
selben ist gewährleistet. In dieser Zeit der Ruhe mag man um so aufmerksamer 
auf die Stimmen aus den Kreisen hören, die mit ihrem Urteil bisher weniger 
hervorgetreten sind, und die doch in erster Linie Gehör fordern dürften, nämlich 
auf die Stimmen der Universitätslehrer selbst. Es liegen jetzt mehrere Äußerungen 
von dieser Seite vor; wir möchten im Folgenden einiges darüber mitteilen. 
Auf dem letzten deutschen Lehrertage in Chemnitz hielt Profeffor 
Rehmke aus Greifswald einen Vortrag über das Thema: Universität und 
Volksschullehrer. (Vergl. den kurzen Bericht in Nr. 7 des Ev. Schul 
blattes!) Der Vortragende hatte sich nicht gerade in tiefgrabender Arbeit um 
seinen Gegenstand bemüht, er gab's wohl mehr, wie der Geist ihm just gebot; 
aber vielleicht wirkte die unmittelbare Frische der Rede darum um so stärker. — 
Da war zunächst die Feststellung wichtig: „Die meisten unter Ihnen werden 
denken, daß hier in dem Sinne von Universität und Volksschule gehandelt werden 
soll: durch die Universität zum Volksschullehrerberuf. Diese Bahn will ich 
Sie nicht leiten." Diese Worte erhalten einen gewissen Nachdruck dadurch, 
daß sie ausdrücklich und bewußt gegen die Majorität gerichtet wurden. Dem 
Seminar soll also auch in Zukunft sein Recht bleiben. Ja, es soll nach R. 
nicht bloß auch fernerhin als Vorbereitungsanstalt für den Lehrerberuf gelten, 
sondern es soll auch die volle Ausbildung geben. Das richtet sich deutlich 
gegen diejenigen, die das Universitätsstudium für die Volksschullehrer allgemein 
verbindlich machen möchten. R. fragt: „Ist etwa der Seminarist, der vom 
Seminar abgeht, bloß ein halber Mensch als Lehrer, dem die andere 
Hälfte fehlt, die nur die mitbekommen, welche die Universität beziehen? Bei 
Leibe nicht. Ich hoffe, daß Sie sich nicht selbst zu halben Menschen machen; 
ich will es nicht gethan haben." Mit beredten Worten deckt er den Volksschul
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.