Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Die sittliche Bedeutung des modernen Bildungsstrebens. 
337 
so würde dann auch für die Volksschullehrer der freilich recht dornenvolle Weg 
sich eröffnen zum vollen Studium an der Universität. Das „viele sind berufen, 
aber wenige sind auserwählt," das Rehmke den Lehrern zurief, würde dann erst 
recht seine Anwendung finden. 
Man sieht wie verschieden die Ansichten von Männern sind, die als 
Universitätslehrer auch zugleich den Volksschullehrern näher getreten sind. Man 
wird sich also davor hüten, mit seinem Urteil über diese Fragen abschließen zu 
wollen. Vor allem wird man auch die Wirkung der neuen Bestimmungen 
über die Lehrerbildung erst abwarten müssen; diese stehen zunächst auf dem 
Papier. Zugleich wünschen wir, daß die Hochschulmänner mit der Volksschul 
lehrerschaft und ihrer Bildung in nähere Berührung treten möchten, wozu die 
vielerorts eingerichteten Vortragskurse treffliche Gelegenheit bieten. Rein bezeugt 
es, daß er es an seinen Kollegen erlebt habe, daß diese von ihren Vorurteilen 
zurückgekommen seien, sobald sie durch Berührung mit den Lehrern deren ernst 
liches Streben nach Fortbildung gesehen hätten. Es wäre sehr verkehrt, wolle 
man die hier zu Tage tretenden Gegensätze in den Anschauungen wohlmeinender 
Männer und ihre Bedenken leicht nehmen. Nicht bloße Ausdehnung des Wissens, 
Vermehrung der Kenntnisse um jeden Preis, sondern vor allem Gesundheit 
des geistigen Lebens sei das Ziel! und deshalb möchten wir auch für die hier 
vorliegende Frage noch einmal hingewiesen haben auf die Arbeit von Rektor 
Horn über die volkstümliche Bildung. Sie richtet unsern Blick nicht sowohl in 
die die Weite, als in die Tiefe. A. 
Die sittliche Bedeutung des modernen Bildungsstrebens. 
Wir versprachen im vorigen Heft, auf Professor Harnacks Vortrag in Dort 
mund über die sittliche und sociale Bedeutung des modernen Bildungsstrebens 
noch zurückzukommen. Wir können das nicht besser thun, als indem wir den 
letzten Teil seiner Rede nach den „Verhandlungen des 13. evangelisch-socialen 
Kongresses" (Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. 160 S. Pr. 2 M.) hier 
zum Abdruck bringen. 
Als erste Gefahr, die uns hier entgegentritt, erscheint die Gefahr der Halbbildung. 
Es sind nicht nur „Reaktionäre", sondern auch sozial gesinnte und einen gesunden Fort 
schritt begünstigende Männer, die das moderne Bildungsstreben und die Einrichtungen, 
die für dasselbe geschaffen werden, mit Besorgnis betrachten. Wir kommen ihnen auch 
freiwillig mit dem Zugeständnis entgegen, daß die Gefahren der Halbbildung, nämlich 
Unklarheit, Verwirrung und wiederum thörichter Hochmut und Unzufriedenheit, nicht 
beseitigt werden können, ja sich vielleicht in einigen Köpfen unter den gegebenen Ver 
hältnissen noch steigern werden. Aber deshalb dem modernen Bildungsstreben entgegen 
zutreten und es niederzuhalten wäre das Verkehrteste, was wir thun könnten. Nieder 
zuhalten vermögen wir es überhaupt nicht; denn es ist viel zu mächtig; wir würden es 
nur auf schlechte Belehrung und schlechte Unterweisung zurückwerfen. Den Gefahren 
der Halbbildung kann man doch nicvt durch die Verdammung zur Unbildung entgegen 
treten, sondern nur durch ?,Ganzbildung". Die besten Männer müssen in dieses Werk 
eintreten, und die besten Bücher müssen für dasselbe geschrieben werden. Mit den 
wichtigsten Ergebnissen der Wissenschaften muß der Sinn für ihre Methoden und für 
die unendlichen Schwierigkeiten einer gesicherten Erkenntnis auf allen Gebieten erweckt 
werden. Wo er erweckt ist, da ist schon die Hauptsache gewonnen, da ist die größte Ge 
fahr der Halbbildung abgewehrt. Und er kann erweckt werden. Gewiß, die höchste
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.