Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Die sittliche Bedeutung des modernen Bildungssirebens. 
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erörtert sehen, ob denn überhaupt die Ehe ein einer freien Persönlichkeit würdiges Ver 
hältnis sei. Es sind nicht nur frivole Weltmenschen, welche diese Frage auswerfen — 
wenn sie auch von den Überzeugungen, die einst zum Mönchtum geführt haben, sehr weit 
entfernt sind. Dennoch vermag ich in diesen Erwägungen nur das Symptom einer 
ebenso unevangelischen wie antisozialen Stimmung zu erkennen, die höchst unerfreuliche 
Äußerung eines Egoismus, der dadurch nicht wertvoller wird, daß er auch mit dem 
Bildungsstreben sich verbindet. Die ruchlosen Versuche aber, die Grundfesten der Gesell 
schaft an diesem Punkte zu sprengen und offen die Ehe verächtlich zu macken — es giebt 
leider schon eine ganze Litteratur darüber, eine „schöne" Litteratur —, lasie ich grund 
sätzlich beiseite. 
Die gefährliche Gleichmacherei zeigt sich indesien nicht etwa nur in bestimmten Er 
scheinungen der Frauenbewegung und des sexuellen Problems: sie ist auch sonst zu be 
merken. Was man ihr entgegenzusetzen hat. das will ich an der Charakteristik darthun, 
die einst Mommsen in einer wundervollen Rede von Kaiser Wilhelm I. gegeben hat. 
Er sagt: „Kaiser Wilhelm war, was der rechte Mann sein soll, ein Fachmann. Eine 
bestimmte Disziplin beherrschte er vollständig: seinem hohen Berufe entsprechend lebte 
und webte er in der Theorie wie der Praxis der Militärwisienschaft. Es werden nicht 
Viele sein, die ihre Jünglings- und Mannesjahre mit solchem Ernst wie er ihrer 
Wissenschaft gewidmet haben. Also war er kein Dilettant. Er wußte sich am Schönen 
zu erfreuen und ist der Erörterung wissenschaftlicher Fragen oft und gern gefolgt." 
Hier ist das Element genannt, welches der Gleichmacherei entgegenzusetzen ist. Fach 
bildung muß zuerst geboten werden, und sie muß der Ausgangs- und Anknüpfungspunkt 
für alle fortschreitende Bildung sein: in konzentrischen, immer weiteren Kreisen hat sie sich 
an jene anzuschließen. So wird der Dilettantimus, der die Folge aller Gleichmacherei 
ist, abgewehrt und zugleich jene Ehrfurcht vor der Wiffenschaft erzeugt, die aufgeschlossen 
und bescheiden zugleich macht. 
Aber noch eine dritte Gefahr ist ins Auge zu fasten, und sie entspringt aus dem 
besonderen Charakter des modernen Bildungssirebens als eines Strebens nach 
Erkenntnis des Wirklichen. In diesem Streben liegt ein hohes Gut, aber wenn 
mit ihm nicht eine starke sittliche Bildung verbunden ist, so wird es schädlich. Goethe 
sagt einmal von einem seiner Freunde, daß er mehr Talent und Wissen habe als er 
nach dem Maß seiner Charakterstärke ertragen könne, und an einer anderen Stelle spricht 
er das tiefe Wort aus: „Alles, was unseren Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über 
uns selbst zu geben, ist verderblich." Kurz und schlagend ist hier formuliert, worauf es 
ankommt: die Aufgabe aber, die damit unserem Bildungsbetriebe gestellt ist, ist die 
ernsteste. Wir sollen misten, daß wir mit allen unseren vortrefflichen Einrichtungen zur 
Verbreitung der Kenntnisse und der Wiffenschaft nur erst die Hälfte unserer Aufgabe, ja 
nicht einmal die Hälfte, geleistet haben. Wenn wir es nicht vermögen, aus den sittlichen 
Zustand derer, die wir unterrichten, einzuwirken, so betreiben wir eine gefährliche Sache. 
Gewiß liegt in einem ernsten Wahrheitsstreben und in der Beschäftigung mit der Wiffen 
schaft selbst schon ein hohes sittliches Element, aber es muß auch hervorgeholt und dem 
Hörenden zur Darstellung gebracht werden. Es ist vor Allem die Persönlichkeit des 
Lehrenden selbst, die von der sittlichen Kraft der Wahrheit gestählt sein und einen Ein 
druck von ihr hevorrufen muß; denn auf jeder Stufe des Unterrichts, auch auf den 
höheren, ist die Persönlichkeit des Lehrers von entscheidender Bedeutung. Lernen können 
wir alles Mögliche aus Büchern und aus unpersönlichen Überlieferungen, gebildet 
werden können wir nur durch Bildner, durch Persönlichkeiten, deren Kraft und Leben 
uns ergreift. Daß aber in dieser Hinsicht der gegenwärtige Betrieb der Bildung Vieles 
zu wünschen übrig läßt, wer kann das leugnen? Zu dem heutigen Betriebe der Wissen 
schaft muß die volle hoffende, liebende sittlich starke, glaubende Persönlichkeit hinzutreten, 
reifer ausgebildet und lebendiger als je früher. An ihr muß es den Schülern deutlich 
werden, daß alle tiefere Bildung Umbildung ist, schmerzliche, aber befreiende Um 
bildung: es muß etwas Altes untergehen und etwas Neues wachsen und werden. 
Im engsten Zusammenhange damit steht noch ein Anderes, und es ist die Haupt 
sache: alle wahre Bildung strömt aus der Quelle einer geschloffenen Weltanschauung 
und hat schließlich nur soviel Wert als sie eine solche ausbaut. Eine geschlossene Welt 
anschauung kann aber nur eine idealistische sein, d. h sie muß in der Überzeugung 
wurzeln, daß der Wert des persönlichen Lebens und die sittliche Selbstgewißheit allem 
bloß Naturhaften übergeordnet ist und daß wir. wie wir in Gott leben und weben, so 
auch ihm Rechenschaft schuldig sind. Aber durchdringt eine solche Weltanschauung d. h.
	        

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