Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
welcher jeder Volksschule den Kampf gegen das unheilvolle Übel nachdrücklich zur 
Pflicht macht, erhielt dieser Punkt der Tagesordnung offiziellen Charakter. Die 
Rednerin führte aus, daß die Volksschule den Alkoholismus durch Unterricht und 
Erziehung bekämpfen muß. Im Unterrichte beseitige sie die im Volke verbreitete 
falsche Wertschätzung des Alkohols und stelle auch die Lehrbücher, Schüler 
bibliotheken und geeignete Vorträge an sogenannten Elternabenden in diesen Auf 
klärungsdienst. Die Hauptaufgabe der Volksschule im Kampf gegen den Alko 
holismus liegt aber in der Erziehung. Deshalb forderte die Rednerin Be 
schränkung des Lehrstoffes und der Klassenfrequenz, das Obligatorium für den 
Haushaltungsunterricht und planmäßige Gesundheitspflege. Sie betonte, daß 
von allen Schulfesten der Alkohol fernzuhalten sei und sah auch in der Schön 
heitspflege, in der Erziehung zur Freude am Schönen, zum Kunstgenuß wirksame 
Mittel, den Alkohol zu bekämpfen. Sie forderte für die aufsichtslosen Zöglinge 
in angegliederten Kinderhorten Schutz vor Verwahrlosung und daß in der obli 
gatorischen Fortbildungsschule der Kampf fortgesetzt werde. Sie hält nur die 
jenigen Lehrpersonen für diesen Kampf befähigt, welche den Alkoholismus studiert 
und für ihre Person besiegt haben, d. h. abstinent leben. 
In der Besprechung handelte es sich hauptsächlich um die Frage, ob ein 
erfolgreicher Kampf gegen den Alkoholismus nur für diejenigen Volkserzieher 
möglich sei, die abstinent leben, oder ob auch andere diesen Kampf aufnehmen 
können. Die Versammlung erkannte den Standpunkt der Rednerin sehr wohl 
an, erklärte aber, daß auch die Volkserzieher gegen den Alkoholismus erfolgreich 
kämpfen können, welche denselben studiert haben und mäßig leben. 
Die dritte öffentliche Versammlung brachte einen Bortrag von Fräulein 
Maria Sischnowska über: „Warum ist die Einheitsschule eine 
soziale, nationale und pädagogische Notwendigkeit?" 
Die Vortragende erklärte zuerst, daß sie unter der Einheitsschule eine ein 
heitliche Organisation des gesamten Bildungswesens versteht, in deren Unterstufe 
alle Kinder des Volkes bis zum 12. Jahre ihre grundlegende Bildung erhalten. 
Die Oberstufe soll sich gliedern in die Oberstufe der Volksschule mit Fortbildungs 
schule, Realschule, Oberrealschule und Gymnasium. Über den Eintritt in die 
verschiedenen Zweige der Oberstufe entscheiden nicht das Vermögen der Eltern, 
sondern Fleiß und Begabung des Kindes. Begabte Kinder der ärmeren Volks 
schichten sind auf Kosten des Staates auszubilden. Dadurch, daß nationale und 
moderne Bildungselemeute die herrschende Stellung auf allen Stufen einnehmen, 
ist die Einheitlichkeit des ganzen Organismus gesichert und zugleich die Mög 
lichkeit des Überganges von einer Stufe zur andern gegeben. Die soziale Not 
wendigkeit der Einheitsschule ergiebt aus der immer wachsenden Macht des 
Kapitalismus, dem die Emporentwicklung des Arbeiterstandes in gleichem Schritt 
nicht folgen kann. Somit muß die Kluft zwischen den einzelnen Schichten der 
Bevölkerung wachsen. Nirgends aber ist die Scheidung tiefer als auf dem Ge 
biete des Bildungswesens. Der Kapitalismus hat hier kein Recht auf Herrschaft. 
Wird auf diesem Gebiete der ntürlichen Auslese Raum gegeben, so wird der 
Volkskörper vor gefährlichen Erschütterungen bewahrt, für stete Erneuerung der 
geistig führenden Schicht gesorgt. Die nationale Notwendigkeit der Einheitsschule 
ist durch die politische Einheit des deutschen Volkes und seine sich immer mehr 
ausbreitende Weltmachtstellung gegeben. Die politische Einheit muß auf der 
Bildungseinheit ruhen, und die Weltmachtstellung fordert eine scharfe Ausprägung
	        

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